Christian Ehetreiber: Wer sind übrigens „die da oben“? – Rede zum Lebensmarsch am 6.7.2022 am Präbichl

Es ist wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz: dass [es] vorwärts gelebt werden muss. (Sören Kierkegard)

Liebe Jugend und Lehrer*innen der MS Eisenerz, des BORG Eisenerz, der PTS Eisenerz, der BHAK Eisenerz und der HTL Leoben!

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, lieber Thomas Rauninger!

Sehr geehrter Herr Kulturreferent, lieber Gerhard Niederhofer!

Sehr geehrte Vertreter*innen des Gemeinderates, der Stadtregierung und der Verwaltung!

Geschätzte Gäste aus den Nachbargemeinden!

Mein lieber Freund Robert Gradauer!

Liebe Freundinnen und Freunde!

Sehr geehrte Damen und Herren!

Gerade in Zeiten von Bedrängnis und komplexen Herausforderungen dürfen wir nie unsere Zuversicht, nie unsere Handlungsfähigkeit verlieren. Wie wir alle spüren, fungiert der Begriff „Krise“ als Universalbezeichnung für Katastrophen aller Art: Klimakrise, Umweltkrise, Ressourcenknappheiten, Wirtschaftskrise, Pflegenotstand, Finanzierungskrisen bei den sozialen Sicherungssystemen, Demokratiekrise, Krise der Europäischen Union usw. usf. All dies wird auf Social Media im Jargon der Empörung gepostet; gewürzt mit Entrüstung, Respektlosigkeit und Herabwürdigung des Andersdenkenden; all das eingerahmt in eine Unkultur von political correctness, cancel culture und kultureller Aneignung (cultural appropriation).

Wie kann ich in Anbetracht der Krisen im Ernst daran glauben, dass wir nie unsere Zuversicht und nie unsere Handlungsfähigkeit verlieren dürfen? Wie kann ich annehmen, dass die besonnene Vernunft, das freie Denken, der respektvolle Dialog und der solidarische Gemeinschaftssinn, aus all den Krisen herausführen werden?

Gegenfrage, meine Damen und Herren: Werden uns die unzähligen Untergangshofer, Schwarzmaler, Wurschtigkeitswurschtel, Ichtioten, Staats- und Gesellschaftsverweigerer aus den Krisen heraushelfen?

Die Zuschreibung von Ursachen für die Krisen erfolgt nach dem bekannten Sündenbockdenken: Schuld an alledem sind „immer die da oben“, „immer die Politiker*innen“, immer „die Wirtschaft“, immer „die Medien“, aber nie „der Bürger, nie die Bürgerin als Souverän der Demokratie“. Die Sozialpsychologie nennt dieses Abschieben von Verantwortung an „die da oben“ eine externale Zuschreibung von vermuteten Handlungsursachen. Dies vollzieht sich aktuell unter Ausblendung von persönlicher Verantwortung, als sei man nicht mündige*r Bürger*in, sondern allenfalls gelangweilte Zuschauer*innen in einer Statler-Waldorf-Demokratie aus der Muppets-Show, wo die beiden alten Grantler unentwegt ihre hämischen Kommentare einbringen, ohne je positive Beiträge zu leisten.

Wir alle verfügen über unzureichend genutzte Handlungsspielräume: Wir entscheiden mit unserem Konsumverhalten über Tierwohl oder Tierleid, über faire Produktionsbedingungen unserer Konsumgüter, über einen sparsamen oder verschwenderischen Ressourcenverbrauch, über die exzessive Nutzung von Flugzeugen und Autos oder von Eisenbahn, Straßenbahn, Fahrrad und Wanderschuh. Kurzum: Unser gesamtes Verhalten in all unseren Rollen liegt zum größten Teil im ganz persönlichen Handlungsspielraum, im individuellen und gemeinschaftlich gegebenen Verantwortungsbereich.

„Die Ursache bin ich selbst!“ Mit diesem Zitat bringt Thomas Bernhard die notwendige Haltung für die Bewältigung von Herausforderungen auf den Punkt. Ich darf ergänzen: „Die Ursache sind wir selbst!“ Lassen wir uns die Ausflucht zu „denen da oben“ nicht mehr länger durchgehen. Das glaubt uns ja längst kein Mensch mehr: weder in Europa, noch in den Elendsregionen von Mutter Erde.

Die Auseinandersetzung mit unserer Zeitgeschichte möge uns bei der Wiedereroberung unserer Handlungsspielräume für eine gerechtere Welt jedenfalls hilfreich sein.

Der Todesmarsch ungarischer Jüdinnen und Juden vom April 1945 führt uns das gesamte Spektrum des menschlichen Handelns unter Zwangsbedingungen vor Augen: von den Mördern im Eisenerzer Volkssturm über die Beifall klatschenden Opportunisten, die Wegschauenden bis zu den Helfenden und Couragierten auf Seiten der geschundenen Jüdinnen und Juden: Ich darf hier stellvertretend Maria Maunz und ihre Familie aus Landl erwähnen, ebenso die Familie Juvanschitz aus St. Peter Freienstein, die sich unter Lebensgefahr für die Menschen des Todesmarsches eingesetzt haben. Sie seien uns ewige Vorbilder unseres Einsatzes für die Mitmenschlichkeit!

Unsere Zweite Republik wie auch die Europäische Union zeigen eindrucksvoll, dass die Verantwortungsträger*innen in Politik, Wirtschaft, Medien, Sozialpartnerschaft und Zivilgesellschaft von Auschwitz, Gulag und vom Zweiten Weltkrieg sehr viel gelernt haben. Die Verantwortlichen haben unserer heutigen Gesellschaft eine andere Richtung gegeben, als das von den ideologischen Extremisten des 20. Jahrhunderts geplant war und dann mit millionenfachem Mord umgesetzt wurde. Mein lieber Freund Franz Küberl, Caritas-Präsident a.D., brachte diese positive Entwicklung Österreichs und Europas nach 1945 auf den Punkt: „Wir sind 1945 der Hölle entronnen und bis heute fast bis an den Himmelsrand gekommen!“

Erinnert sei an Sir Winston Churchills Bonmot zur Demokratie: “Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.” Mit unserer westlichen Demokratie, meine Damen und Herren, verhält es sich wie mit unserem kristallklaren Gebirgswasser, mit unserer sauberen Luft, mit ausreichend vorhandener Erwerbsarbeit, mit Wohlstand, mit unserer Gesundheit oder mit den Leistungen unseres Sozialstaates: Solange wir über diese Güter verfügen, fällt uns ihr Wert gar nicht auf. Wir reihen diese Güter ein ins Reich der Selbstverständlichkeiten, in dem indes oft die Arroganz, die Gleichgültigkeit, die Undankbarkeit und die konsumverliebte Saturiertheit regieren. Wir bemerken den Wert dieser Güter erst dann, wenn diese zu bröckeln beginnen oder verschwinden. Die Crux all dieser Erosionsprozesse wertvoller Güter besteht darin, dass diese zumeist nicht von Jetzt auf Dann sich vollziehen, sondern sich als jahrzehntelanger Verfallsprozess ereignen.

Ich schließe mit Bothos Strauss´ aufmunternder „Philosophie des Noch“: Noch leben wir in einer Demokratie. Noch engagieren sich ausreichend viele Bürger*innen. Noch funktionieren unsere Institutionen. Noch herrschen Verfassung, Recht, Gewaltenteilung. Noch erheben wir Einspruch gegen Unrecht. Noch ist nicht aller Tage Abend. In dem Sinne: Nutzen wir, meine Damen und Herren, die „Philosophie des Noch“, um unsere Demokratie und unser aller Zusammenleben im Geiste der Menschenrechte weiterzuentwickeln! Vielen Dank!

Links zum Thema: Rückblick auf die bisherigen Lebensmärsche sowie ZeitzeugInnenvideos

https://www.argejugend.at/?s=Lebensmarsch

https://www.generationendialog-steiermark.at/tag/todesmarsch-2/

 



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