„Ich lasse mir doch nicht den Mund verbieten!“ Nachruf auf Dr. Monika Stiegler

* 26. Juni 1951 bis 24. Mai 2024

von  Christian Ehetreiber

Abb. 1: Monika Stiegler (26.6.1951 bis 24. Mai 2024) beim letzten Treffen mit Christian Ehetreiber am 3. Mai 24 beim Wirtshaus Bernsteiner

Am langen Wochenende um Fronleichnam 2024 wollte ich die liebe Monika im Hospiz Albert Schweitzer besuchen. Als ich sie per WhatsApp kontaktierte, sah ich die Parte, die ihr Ableben nach langer und schwerer Krankheit verkündete.

Unser letztes Treffen datiert vom 3. Mai 2024, drei Wochen zuvor. Zu meiner erfreuten Überraschung wartete Monika bereits reisefertig im Rollstuhl auf mich, um mit mir zum Wirtshaus Bernsteiner in der Bethlehemgasse zu fahren. Ich erinnere mich noch genau an unsere schelmische Freude, dass wir einander „wie in alten Zeiten“ trafen, früher meist im Gösser Bräu oder in der Reselstube gegenüber der AK Steiermark. Damals planten wir Tagungen und Workshops, entwickelten innovative Projekte der Bildungs- und Jugendarbeit oder feierten bei einem Mittagessen mit Freundinnen und Freunden den einen oder anderen Erfolg.

Den 3. Mai 2024 verspürte ich als ein sprichwörtliches Geschenk des Himmels. In Anbetracht von Monikas schwerer Erkrankung, die sie die seit längerer Zeit ans Bett fesselte, hätte ich nicht gedacht, dass wir beide nochmals beim Bernsteiner auf ein Bier einkehren können.

Die überschwängliche Freude ließ uns jedoch die Genehmigung zur Ausfahrt aus dem Hospiz vergessen. Doch wiederum „wie in alten Zeiten“ konnten wir uns am Kontrollpunkt vorbeimogeln, als seien wir in Harry Potters Tarnmantel gehüllt. Beim Bernsteiner prosteten wir auf die gelungene „unsichtbare Ausfahrt“ an und verfielen sogleich ins Gespräch über Neuigkeiten. Kurze Zeit danach gesellte sich Monikas Ehemann Gerhard mit zwei Verwandten zu uns. Von da an tauchten wir ein in die meist viel zu kurze Zeit des Erzählens von Geschichten, Anekdoten und Schwänken. Die heiteren Stunden verflogen wie im Nu. Ich hätte an jenem 3. Mai 2024 nicht im Entferntesten daran gedacht, dass dies unser letztes Treffen sein könnte.

Mit Monika Stiegler verbindet mich eine jahrzehntelange Herzensfreundschaft, deren Wurzeln bis in die Mitte der 1990er Jahre zurückreichen. Ich bewunderte von Beginn an Monikas Mut, das freie Wort bei jeder Gelegenheit zu verwenden, ihre ebenso sachliche wie leidenschaftliche Kritik hörbar vorzutragen, sich von Mächtigen dabei nicht einschüchtern oder gar erpressen zu lassen. Monika gehörte zu jenen selten anzutreffenden Persönlichkeiten, die mit zunehmendem Aufstieg auf der Karriereleiter sich nicht im Palais der Abgehobenheit einrichten, die sich nicht ihrer politischen und menschlichen Überzeugungen entledigen und die das Königreich der Jasager und der Angepassten meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Mein Vorgänger als Chef der ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus, der mutige und rebellische Peter Scheibengraf, selig, versammelte in den 1990er Jahren eine Gruppe an Persönlichkeiten „mit aufrechtem Gang“ im damaligen ARGE-Jour-fixe im Cafe Promenade. Monika gehörte von Beginn an zu dieser Freundesrunde. Unvergessen bleiben mir ihre klug, pointiert und mitunter provokant vorgetragenen Argumente im ARGE-Jour-fixe. Aus Monikas couragierter Haltung, die beim Team der ARGE Jugend auf entsprechenden Widerhall stieß, entstand eine jahrzehntelange fruchtbringende Zusammenarbeit und ein feines Netzwerk, das echte Freundschaft nicht mit Freunderlwirtschaft verwechselte.

„Schönwetterfreunde“ sonnen sich bekanntlich immer gerne im Lichte des Erfolges anderer und gehören zu den Adabeis der Seitenblicke-Gesellschaft. Beim Aufziehen der ersten dunklen Wolken wechseln diese Sunnyboys und -girls freilich blitzartig zu neuen Biotopen der Schönwetterfreundschaft. Monika gehörte zeitlebens zu jener seltenen Schar an „Schlechtwetterfreunden“, auf die selbst bei Gegenwind, Hagel und Gewitter immer Verlass ist, die Freundschaft nicht nach Prestige oder Image bewerten. Für Monika und dem gemeinsamen Freundeskreis bemaß sich Freundschaft am Grad an „Füreinander-Dasein“, gerade wenn es blitzt und kracht oder einem das Wasser bis zum Hals steht.

Im ozeangroßen Biotop des Mainstreams und der Sprachregelungen widerfährt den Mutigen und den Couragierten indes oft der Adornosche „Hass auf das Nichtidentische“. Die Provokation für die auf Konformismus ausgerichteten Identischen besteht darin, dass die Nichtidentischen es wagen, eigenständig zu denken, Haltungen zu entwickeln und zu verteidigen, sich nicht widerstandslos in den Mahlstrom der Fremdsteuerung einfügen zu lassen. Die Vermessung des Nichtidentischen ist der verlässliche Lackmustest, der echte Kritikfähigkeit von deren Camouflage des „Als ob“ und der „Rhetorik des Pseudo“ unterscheidet. Monika ließ sich nicht verbiegen oder brechen in ihren innersten Haltungen, sondern blieb im Modus des aufrechten Ganges.

Monika wurde von ihren Widersachern mitunter übel mitgespielt. Doch wir Freunde hielten ihr die Treue, waren ihre Verbündeten, was sie stets zu schätzen wusste. Dies galt auch umgekehrt!

Das wundervolle Band unserer Freundschaft hielt auch nach Monikas Pensionsantritt, selbst wenn wir einander weniger oft trafen als in ihrer aktiven Zeit bei der AK Steiermark. Immer wieder begegneten wir einander zufällig oder mit Vereinbarung in unseren Stammlokalen, oft mit dem gemeinsamen Freund Hannes Körbler, selig.

Im Spätherbst 2023 erfuhr ich in einem längeren Telephonat mit Monika en passant, als ich sie zu „25 Jahre ARGE Jugend“ ins Cafe Kaiserfeld eingeladen hatte, dass sie ins Hospiz Albert Schweitzer aufgenommen worden war. Ich war zuerst bestürzt, danach jedoch zutiefst berührt, mit welcher Gelassenheit und Gefasstheit sie von ihren schweren Krankheiten erzählte.

Drei längere Besuche bei Monika im Hospiz – zwischen Jänner und Mai 2024 – bleiben unvergessen. Beim vorletzten Treffen, erstellte Monika mit mir eine Liste an „echten Freunden“, wie sie sich ausdrückte, die sie im Sommer zu sich auf einen Besuch einladen wollte. Ich schrieb die Namen auf einem Notizzettel mit, den wir beim letzten Treffen am 3. Mai 2024 beim Bernsteiner noch ergänzten.

Das Freundestreffen blieb leider ein unvollendetes Projekt.

Liebe Monika, du bleibst unvergessen in den Herzen deines Mannes Gerhard, deiner Kinder und Verwandten, deiner Freundinnen und Freunde!

In Freundschaft!

Dein

Christian