Interkulturelle Methoden für mehr Motivation im Mathematikunterricht

Mathematik und Vielfaltskompetenz: Kann das zusammenhängen? – Ja. Mathematik ist ein weltweit gebräuchliches System, das in verschiedenen Ländern auf unterschiedliche Weise angewandt wird, jedoch immer dasselbe Ziel vor Augen hat: Naturphänomene in Zahlen, Symbolen und Formeln zu erklären. Nicht umsonst wird Mathematik oft als die einzige Sprache, die international verstanden wird, bezeichnet. Und diese Sprache, vermittelt durch eine diversitätsorientierte Perspektive, können Kinder und Jugendliche oft besser verstehen.

Der Mehrwert von interkulturellem Mathematikunterricht aus pädagogischer Sicht

Diversität kann das Verständnis für Mathematik verbessern. Zugleich kann Mathematik das Verständnis für soziokulturelle Vielfalt steigern. Die Mathematik kann als interkulturelles Gesamtwerk betrachtet werden. Sie ist eine über Jahrtausende bestehende globale Zusammenarbeit von Menschen und Völkern auf der gesamten Welt verbreitet. So hat sich zum Beispiel das Zehnersystem mit 10 Ziffern und Stellenwert aus der indischen Zahlschrift entwickelt und ist über den arabischen Raum nach Europa gekommen. Es hat das römische Zahlensystem, welches für rechnerische Zwecke nicht so gut geeignet ist, abgelöst.

Aus pädagogischer Sicht ist, wie Pädagogin und Mathematik-Trainerin Renate Kothgasser betont, die Erkenntnis von Mathematik als System internationaler Zusammenarbeit für Kinder und Jugendliche sehr wertvoll. Diese interkulturelle Perspektive hilft SchülerInnen zu verstehen, dass Menschen aus allen Ländern in ihrer Denkweise verbunden sind und trotz der scheinbar weiten Distanz nach China, Indien, Südamerika, Syrien oder Südafrika Gemeinsamkeiten mit einem selbst teilen. Zugleich kann SchülerInnen ein Verständnis dafür vermittelt werden, dass es verschiedene Zugangsweisen zum selben Thema gibt und diese über Generationen durch das jeweilige soziale und institutionelle Umfeld geprägt sind. Kinder und Jugendliche werden dafür sensibilisiert, dass es außer der gewohnten Art noch andere Wege gibt, ein Problem zu betrachten und zu lösen und kein Zugang besser oder schlechter ist als der andere – nicht nur in der Mathematik, sondern in allen Lebensbereichen.

 

Abb. 1: SchülerInnen des Europagymnasium Leoben malen abstrakte Bilder zu Diversität im Alltag.

Interkulturelle Methoden für ein besseres Mathematikverständnis

Das Einfließenlassen von interkulturellen Methoden in den Mathematikunterricht kann den Kindern dabei helfen, Mathematik nicht nur als Unterrichtsfach, sondern als alltagsrelevantes logisches System zu verstehen. Dies wiederum steigert die Motivation für den Unterricht. Mathematik-Trainerin Renate Kothgasser berichtet von Rückmeldungen Ihrer SchülerInnen: „Bei meinen Schüler/Innen der Basisbildung konnte ich feststellen, dass die Motivation gestiegen ist, als sie die Mathematik durch eine interkulturelle Perspektive als sinnvoll für ihren Lebensalltag erkennen konnten.“

Das Erlernen von weiteren Rechenmethode macht es außerdem möglich, Mathematik spielerischer zu sehen. Wenn SchülerInnen verstehen, dass bei mathematischen Problemstellungen verschiedene Wege zum Ziel führen, schafft dies Raum für kreatives Denken. Zusätzlich kann durch die Beschäftigung mit anderen Methoden ein größeres Verständnis für die Ursprungsmethode an sich entstehen. Dies stellte auch Renate Kothgasser fest: „Viele SchülerInnen haben mir gesagt, dass die von mir erzählte Legende vom Reiskorn und dem Schachbrett dazu geführt hat, dass sie sich zum ersten Mal die Auswirkungen exponentiellen Wachstums tatsächlich vorstellen konnten.“ Das Anwenden von diversitätsorientierten Methoden im Mathematikunterricht hilft also nicht nur, um die SchülerInnen für soziokulturelle Vielfalt zu sensibilisieren, sondern auch, um den Regelunterricht zu unterstützen.

 

Abb. 2: Bundesschulen Fohnsdorf beim Gestalten von Roll-Ups im Rahmen eines Workshops der ARGE Jugend.

 

3 Wissenswerte Inputs für den interkulturellen Mathematikunterricht

 

  1. Mathematik ist eine international verständliche Sprache.

 

  1. Das Zehnersystem mit 10 Ziffern und Stellenwert hat sich aus der indischen Zahlschrift entwickelt und ist über den arabischen Raum nach Europa gekommen.

 

  1. In verschiedenen Ländern zählen die Menschen auf unterschiedliche Weise. Während man in Österreich sowie in Zentral- und Westeuropa mit dem Daumen bei eins beginnt, beginnt man im Vereinigten Königreich, den USA, China und Japan beispielsweise mit dem Zeigefinger und auf den Philippinen mit dem kleinen Finger. In Papua-Neuguinea hingegen verwendet man eine Körperzählmethode, mit der die Menschen über den ganzen Oberkörper von 1 bis 27 zählen.

 

Ein Video zur Zählmethode in Papua-Neuguinea finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=H13Se4nBPDA

 

Weitere Informationen zum Zählen in verschiedenen Ländern finden Sie in folgendem Artikel: https://brainworker.at/zaehlen-rund-um-die-welt-oder-wie-man-spione-entlarvt/

 

Abb. 3

 

3 anschauliche Methoden für den diversitätsorientierten Mathematikunterricht

 

  1. Multiplikationsmethoden in verschiedenen Ländern

 

Man zeigt den SchülerInnen, wie in anderen Ländern multipliziert wird, und geht dabei auch darauf ein, in welchen Lebensbereichen Multiplikationen praktische Anwendung erfahren. Dadurch kann die intrinsische Motivation gesteigert werden. Das Erlernen einer weiteren Multiplikationsmethode macht es außerdem möglich, Mathematik spielerischer zu sehen. Denn bei vielen mathematischen Problemstellungen führen verschiedene Wege zum Ziel. Zusätzlich kann durch die Beschäftigung mit anderen Methoden der Multiplikation ein größeres Verständnis für die Multiplikation an sich entstehen.

 

Weitere Informationen zu Multiplikationsmethoden in verschiedenen Ländern finden Sie in folgendem Artikel der Uni Duisburg-Essen: https://www.uni-due.de/imperia/md/content/prodaz/schriftliche_rechenverfahren_international_2018.pdf

 

  1. Die Legende vom Reiskorn und dem Schachbrett: Exponentielles Wachstum anschaulich darstellen

 

Anhand der Legende vom Reiskorn und dem Schachbrett veranschaulicht man die Multiplikation mit 2. Durch die Beschäftigung mit der Multiplikation mit 2, kann ein besseres Verständnis für die Multiplikation entwickelt werden und für die Auswirkung einer Multiplikation, wenn sie wiederkehrend fortgeführt wird – also die Auswirkungen von exponentiellem Wachstum.

 

  1. Bruch-, Prozent- und Statistikrechnungen mit diversitätsbezogenen Fakten

 

Statt des Rechnens mit Geldbeträgen, Heizölkosten oder Holzverschnitt, nutzt man migrationsbezogene Daten. So fließt das Thema der Migration und des Zusammenlebens in Diversität einerseits auf natürliche Weise in den Unterricht ein, andererseits bekommen die SchülerInnen eine Vorstellung von den Auswirkungen von Migration auf die Gesellschaft. Hierfür kann das statistische Jahrbuch des ÖIF „Migration & Integration: Zahlen, Daten, Indikatoren 2020“ mit seinen kompakt gesammelten migrationsbezogenen Daten herangezogen werden: https://www.integrationsfonds.at/fileadmin/user_upload/MigInt_2020.pdf

 

Beispiel für eine Textaufgabe (4. – 5. Schulstufe): Asylanträge in Österreich:

Im Jahr 2016 stellten 42.285 Menschen einen Asylantrag. Im Jahr 2019 stellte ein Drittel davon einen Asylantrag. Wie viele Asylanträge wurden im Jahr 2019 gestellt?

(Statistik dazu: ÖIF, „Migration & Integration: Zahlen, Daten, Indikatoren 2020“, S. 36)

 

Mögliche Diskussionsfragen: Was ist ein Asylantrag? Wer stellt einen Asylantrag? Wieso wurden im Jahr 2016 so viel mehr Asylanträge gestellt als im Jahr 2019? Was passiert, nachdem man einen Asylantrag stellt? Woher kommen die Menschen, die einen Asylantrag stellen?

 

Beispiel für eine Textaufgabe (ab der 5. Schulstufe): Staatsangehörigkeit der nach Österreich zugezogenen:

Im Jahr 2019 zogen 44.001 Drittstaatsangehörige und 90.965 Menschen aus EU- und EFTA-Staaten nach Österreich. Wie viel Prozent der 2019 zugezogenen Menschen sind Staatsangehörige von EU- und EFTA-Staaten? Wie viel Prozent der 2019 zugezogenen Menschen sind Drittstaatsangehörige?

(Statistik dazu: ÖIF, „Migration & Integration: Zahlen, Daten, Indikatoren 2020“, S. 36)

 

Erklärung: EU steht für Europäische Union und EFTA steht für Europäische Freihandelsassoziation – das sind jene europäischen Staaten, die nicht EU-Mitglied sind, aber frei mit dem Rest der EU handeln: Island, Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz. Drittstaatsangehörige sind Staatsangehörige, die vom Recht auf europarechtliche Freizügigkeit ausgeschlossen sind – also weder der EU noch der EFTA angehören.

 

Diskussionsfragen vorab: Wie viele Menschen aus anderen Ländern glaubt ihr, ziehen innerhalb eines Jahres nach Österreich? Aus welchen Ländern, glaubt ihr, ziehen die meisten MigrantInnen zu?

 

Anschließende Diskussionsfragen: Wieso glaubt ihr, haben viele Menschen den Eindruck, dass vor allem Menschen aus Ländern außerhalb der EU nach Österreich ziehen? Wieso glaubt ihr, ist die Zahl der Menschen, die aus der EU und EFTA nach Österreich ziehen so viel größer als die der Menschen aus Drittstaaten? Glaubt ihr, kann man einfach so aus der EU/aus einem Drittstaat nach Österreich ziehen?

Diese und weitere Inputs und Tools können Sie mit der ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus beispielsweise im Projekt „Zusammen.Wachsen“ (für Volksschulen im steirischen Zentralraum) kennenlernen und aktiv umsetzen. Zur Information und Beratung stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung: Verena Ulrich, MSc, 0664/41 70 691, verena.ulrich@argejugend.at und Patty Wollner, BA, 0664/88 23 12 56, patty.wollner@argejugend.at.

 

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Bildquellen:

Beitragsbild: © ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus

Abb. 1: © ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus

Abb. 2: © ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus

Abb. 3: https://pixabay.com/de/illustrations/mädchen-schule-tafel-mathematik-1044150/ (abgerufen am 25.02.2021)



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