Die Facetten des Terrors

 

Die Nacht des zweiten Novembers und die Taten eines einzelnen Mannes erschütterten Österreich. Ein Schusshagel mitten in der Wiener Innenstadt löste in der Bevölkerung Angst, Trauer und Entsetzen aus. Diese Art der Radikalität und des Extremismus kennt man von vielen Ecken der Welt und vor einem Monat wurde nun auch Österreich wieder damit konfrontiert. Der Schock sitzt auch mehrere Wochen danach noch tief und die Frage des „Warums“ schwirrt uns noch allen in den Köpfen herum, doch Terrorismus und die dadurch entstehenden Taten sind nur schwer erklärbar.

 

Der Terroranschlag in Wien

Wien, 2. November 2020. Der spätherbstliche Abend scheint vorerst relativ ruhig zu verlaufen. Die letzte Nacht vor dem Lockdown, die letzte Möglichkeit noch mit Kolleg*innen und Freund*innen etwas Trinken oder Essen zu gehen. Vor allem im sogenannten „Bermudadreieck“ in der Innenstadt sind einige Menschen zu sehen. Doch um ca. 20 Uhr sind plötzlich Schüsse aus der Seitenstettengasse zu hören. Ein Mann mit schwarzer Sturmhaube, weißem T-Shirt, heller Hose und schwarzen Stiefeln läuft durch die Straßen, bewaffnet mit einem Sturmgewehr. Der Attentäter schießt wild um sich und zielt auf Passant*innen. Der Anschlag, der sich auf vier Tatorte erstreckte, hatte vier Tote und 22 Verletzte zur Folge. Auch der Täter wurde schlussendlich von der Polizei erschossen. Zurück blieben traumatisierte Passant*innen, unzählige Einsatzkräfte, die versuchten, das Gebiet sicherzustellen, blanke Verwüstung und ein Meer an Scherben.

 

Der Täter und seine Absichten

Dieser Amoklauf erschütterte Wien, Österreich und die ganze Welt. Solch grausame Gewalttaten sind unverständlich, absolut nicht nachvollziehbar und hinterlassen in uns allen viele Fragen. Wie kann man so etwas machen und wer ist dazu in der Lage? Für den Anschlag in Wien war ein 20-jähriger Mann verantwortlich, der in Österreich geboren wurde und nordmazedonischer Abstammung war. Er war Sympathisant der Terrororganisation „Islamischer Staat“ und in den vergangenen Jahren wollte er sich dem IS anschließen. Er plante nach Syrien auszureisen, wofür er festgenommen und für 22 Monate inhaftiert wurde. Aufgrund seiner Teilnahme an einem Deradikalisierungsprogramm, folgte letztes Jahr im Dezember frühzeitig die Entlassung. Doch die Versuche, den Täter zu deradikalisieren sind fehlgeschlagen und so konnte er den Anschlag in Wien vollziehen. Laut Angaben des Innenministers Karl Nehammer handelte es sich lediglich um einen Einzeltäter, was die Auswertung des Videomaterials dieses Abends außerdem bestätigte. Nach dem Anschlag kam es jedoch zu 15 Festnahmen, darunter auch Terrorverdächtige und ein weiterer Sympathisant des IS.

 

Der Ursprung des Terrors

Dieser Sympathisant war ebenfalls Teil des IS-Prozesses vor zwei Jahren, bei dem beide wegen Mitgliedschaft einer Terrororganisation angeklagt wurden. Die beiden Männer haben sich laut Rechtsanwalt im Internet radikalisieren lassen und vernetzten sich mit weiteren Personen mit radikal-islamischem Gedankengut. Dass sich Menschen vor allem online miteinander verbinden, komme heutzutage oft vor, erzählt Rene Molnar. Er ist Jugend- und Soziokulturpädagoge und hat in seiner Laufbahn schon häufig mit Jugendlichen zu tun gehabt, die den falschen Weg einschlagen wollten. Radikalisierung und Terrorismus kann auch in verschiedenen Formen auftreten. In manchen Fällen geht der Terror vom Staat aus, woraufhin ganze Gruppen die Anweisungen des Machthabers bzw. des Diktators befolgen und die Anschläge militärisch aufziehen. Auf der anderen Seite treten heutzutage auch immer öfter Einzeltäter auf, bei denen der Ursprung teilweise gar nicht nachvollziehbar ist. Im Falle des Terroranschlags in Wien handelte es sich um einen Sympathisanten einer Terrororganisation, des IS, dessen Aufgabe es ist, so viele Leute wie möglich zu radikalisieren und auf ihre Seite zu ziehen. Rene Molnar ist der Meinung, dass sehr häufig Menschen betroffen sind, die immer schon benachteiligt wurden, keine Freunde hatten, gemobbt oder schlecht behandelt wurden. Personen, die sich immer schon in eine Ecke gedrängt fühlten, können besonders schnell radikalisiert werden, wenn sie in eine Gruppe aufgenommen werden und sich dort geschätzt fühlen. Denn plötzlich sind sie Teil einer Gemeinschaft und bekommen Aufgaben, die jedoch schrecklich und grausam sind. Das Ziel einer Terrororganisation ist es nämlich, eine Gesellschaft zu spalten und Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Für sie ist es wichtig, ihre Werte, ihren Glauben und ihre Ansichten in die Welt zu tragen und das auf brutalste Art und Weise.

 

Die Auswirkungen des Terrors

Nach dem Anschlag in Wien hätten die meisten Österreicher*innen nicht mit einem derartigen Attentat gerechnet und doch ist es passiert. Wenn es zu solchen Terroranschlägen kommt, sitzt der Schock bei allen tief. Man ist fassungslos, trauert, ist ängstlich und fühlt sich verwundbar. Genau das ist das Ziel der Terrorist*innen, sie wollen uns spalten und unser Weltbild verzerren. Doch in Wien scheint der Anschlag genau das Gegenteil bewirkt zu haben. Diese Horrornacht löste eine Welle an Zusammenhalt und Solidarität aus. Wiener*innen boten Schlafplätze, Essen, Getränke oder einfach ein offenes Ohr an. Zwei Wiener kamen einem verwundeten Polizisten zur Hilfe und riskierten dafür ihr Leben. Videomaterial wurde an die Polizei geschickt, um möglichst schnell alle Täter ausfindig zu machen. Tausende Menschen kondolierten, stellten Kerzen auf und trauerten um die Verstorbenen. Auch die Regierung rief dazu auf, gerade jetzt Zusammenhalt zu zeigen und füreinander da zu sein, denn nur so könnten wir den Kampf gegen Terrorismus bezwingen. Vor allem war es wichtig, nun niemanden zu verurteilen und keinen Schuldigen zu suchen. Terrorismus-Experte Peter Neumann wies im Interview mit „Der Standard“ auch darauf hin, sich nicht gegen Muslime aufhetzen zu lassen, denn man dürfte keinesfalls die Anhänger*innen einer Religion für etwas bestrafen, womit sie gar nichts zu tun haben.[1] Auch Rene Molnar ist dieser Meinung: „Es ist eindeutig falsch zu behaupten, dass jeder Moslem radikal werden und seinen Glauben nur mit Gewalt durchsetzen kann. Genauso ist es falsch zu sagen, dass jeder Patriot in Österreich gleich ein Rechtsextremer werden muss, das stimmt nicht. Das ist das Problem, das wir haben. Wir müssen die Mitte finden und im Dialog bleiben.“

 

Was wir alle tun können

Eine Mitte finden und im Dialog bleiben, genau das ist nun unsere Aufgabe. Wir können zwar selbst Terroranschläge nicht verhindern, aber indem jede und jeder von uns einen Teil dazu beiträgt, kann verhindert werden, dass gewisse Menschen das Gefühl haben, sich einer terroristischen Gruppe anschließen zu müssen. Denn oft trifft es Menschen, die schlecht behandelt und ausgegrenzt wurden und dem kann man entgegenwirken. Rene Molnar erklärt: „Wir können alle was dagegen machen. Es ist unsere Aufgabe, Menschen gut zu behandeln. Es ist unsere Aufgabe, Kinder nicht zu verspotten. Wir müssen unsere Vorurteile abbauen und für Kinder und Jugendliche da sein. Freundlicher zu Menschen sein und mehr Verständnis haben. Das gilt für uns alle. Kinder und Jugendliche müssen wir stärken und nicht abwerten. Das ist unser Job.“

 

 

Quellen:

[1] https://www.derstandard.at/story/2000121398499/terrorismus-experte-neumanngesellschaft-nicht-spalten-lassen

https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-11/terror-wien-anschlag-was-wir-wissen

https://www.derstandard.at/story/2000121392028/terroranschlag-in-wien-ein-ueberblick

 

Bildquelle: pixabay.com



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