Achtsam leben und lernen – Ein Interview mit Achtsamkeitstrainerin Lisa Hörz

„Die beste Weise, sich um die Zukunft zu kümmern, besteht darin, sich sorgsam der Gegenwart zuzuwenden“ – mit diesen Worten bringt der vietnamesische buddhistische Mönch, Schriftsteller und Lyriker Thích Nhất Hạnh die Bedeutung von „Achtsamkeit“ in unserem Leben auf den Punkt. Achtsamkeit als wacher Zustand des bewussten Fühlens und Erlebens sowie als Aufmerksamkeitsform der fokussierten Wahrnehmung des eigenen Körpers und der Umwelt kann als Weg verstanden werden, das eigene Leben mit Zufriedenheit, Harmonie und Gelassenheit zu befüllen und dieses damit allgemein freier und positiver zu gestalten. Historisch finden sich die Wurzeln von Achtsamkeit vor allem in der buddhistischen Lehre und fernöstlichen Meditationspraxis. Im westlichen Kulturkreis wurde das Praktizieren von Achtsamkeit vor allem im Rahmen unterschiedlicher Psychotherapieformen bekannt. Heute gewinnt das Üben von Achtsamkeit in zunehmend mehr Disziplinen weltweit an Bedeutung, wird breiter ausgelegt, gelernt und gelebt. Dass wir alle „Achtsam lernen und leben“ können und welche positiven Auswirkungen dies auf unser Leben entfalten kann, erzählt uns Achtsamkeitstrainerin Lisa Hörz im Interview mit der ARGE Jugend.

 

ARGE Jugend: liebe Lisa, was sind deine beruflichen Tätigkeitsschwerpunkte?

Lisa: nach meinen Studien der Erziehungs- und Bildungswissenschaften sowie des Lehramts mit den Unterrichtsfächern Spanisch und Psychologie und Philosophie an der Karl-Franzens-Universität Graz habe ich mich als Achtsamkeits- und Yogalehrerin selbstständig gemacht. Jeden Tag packe ich meinen Rucksack, um Menschen in Schulen oder in Yogastudios Achtsamkeit und Yoga näher zu bringen. Schon als kleines Mädchen wollte ich Menschen inspirieren und sie auf ihrem Weg begleiten. Orte des Lebens und Lernens zu kreieren, an denen sich Menschen entwickeln und entfalten können, ist mein Herzensanliegen. Heute bin ich als Yoga- und Achtsamkeitslehrerin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie als Leiterin des Studios yoga&more in Graz, das ich gegründet habe, tätig. Daneben bilde ich Yogalehrer/innen bei der Ayurvedayogaschule aus und schreibe an einem Werk mit dem Titel „Wie Achtsamkeit, Liebe und Yoga unser Leben und die Welt verändern können“. Nicht zuletzt beschäftige ich mich mit Achtsamkeit in der Bildungsarbeit.

 

ARGE Jugend: was bedeutet Achtsamkeit in der Bildungsarbeit?

Lisa: hier lautet die zentrale Frage „Wie würde unsere Welt aussehen, hätte jedes Kind die Möglichkeit zu lernen, wie es gut für sein Herz, seinen Geist und seinen Körper sorgen kann?“ Im Rahmen meiner Diplomarbeit „Achtsam lernen und leben“ aus dem Jahr 2019 an der Karl-Franzens-Universität habe ich erforscht, wie Achtsamkeit in österreichische Schulen integriert werden kann. Achtsamkeit, bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment ohne Bewertung, ist für mich nicht nur ein Bildungsprozess, sondern die Basis von Bildung selbst. Erst wenn es Menschen körperlich und emotional gut geht und sie lernen, ihre Aufmerksamkeit bewusst zu lenken, dann können Lern- und Bildungsprozesse gelingen.

 

ARGE Jugend: wenn man an das alltägliche Leben denkt – inwieweit hilft uns Achtsamkeit dabei, dieses zu verbessern oder positiver zu gestalten?

Lisa: die Frage, ob Achtsamkeit uns hilft ein besseres Leben zu führen, kann ich nicht beantworten, da ich Dinge, Menschen, Situationen nicht in Kategorien teile und nicht bewerte. Was ich jedoch am eigenen Körper spüre ist, dass Achtsamkeit, Meditation und Yoga uns helfen, näher bei uns selbst anzukommen, zu erkennen was wir wirklich sind und unserem Dasein Tiefe zu verleihen. Für mich haben Achtsamkeit und Yoga mein Leben positiv verändert. Meine Achtsamkeitspraxis, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat, ist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Es ist nicht etwas das auf der Matte oder dem Meditationskissen passiert, sondern es zeigt sich in jedem Schritt, in jedem Wort, in jedem Atemzug.

 

ARGE Jugend: kannst du uns ein paar Achtsamkeitsübungen nennen und kurz beschreiben?

Lisa: da wäre zum Beispiel die Übung der „Ballonatmung“ oder „Bauchatmung“: schließe die Augen, lege die Hand auf deinen Bauch und spüre, wie dein Atem dich bewegt und belebt – egal ob liegend, sitzend oder stehend. Versuche zunächst nicht zu werten, sondern nur wahrzunehmen. Danach spüre wie sich mit dem einatmen dein Bauch beziehungsweise deine Hand hebt und ausatmend wieder senkt. Eine weitere Übung ist „Achtsames Essen“: wenn du das nächste Mal etwa ein Stück Obst isst, setzte dich hin, schau dir das Stück an, fühle es, rieche es und dann schmecke es. Dann wäre da noch das „Tagebuch“: notiere dir jeden Abend einen Satz über etwas, das dich an diesem Tag berührt hat und warum. Und nicht zuletzt ist auch „Dankbarkeit“ eine gute Achtsamkeitsübung: nimm dir einen Stein oder ein Symbol, das dir etwas bedeutet. Nimm es täglich vor dem Einschlafen in die Hand und bedanke dich laut oder in den Gedanken für etwas Gutes, das dir an diesem Tag passiert ist.

 

ARGE Jugend: was macht für dich persönlich ein glückliches und gelingendes Leben aus?

Lisa: was ist ein glückliches und gelingendes Leben? Wenn es ein gelingendes Leben gibt, gibt es dann auch ein nicht gelingendes Leben? Wenn ich mir mit dem Verstand ein gelingendes Leben ausmale, so wie es von gewissen Systemen vermittelt wird, hänge ich an Erwartungen und Vorstellungen, kategorisiere in gut und schlecht, glücklich und unglücklich. Ich betrachte es so: Leben ist Leben. Das Einzige was wir tun können ist, in jedem Moment das anzunehmen, was ist. Egal was im Außen passiert – wenn wir inneren Frieden in uns wahrnehmen, haben äußere Dinge keinen Einfluss mehr auf uns. Durch meine Praxis übe ich die Verbundenheit mit mir und diesem Zustand. Ob das ein gelingendes Leben ausmacht, weiß ich nicht, aber ein friedvolles auf jeden Fall.

 

ARGE Jugend: gibt es Literatur, TV-Empfehlungen oder Link-Tipps zum Thema Achtsamkeit, die du Interessierten empfehlen könntest?

Lisa: ich empfehle sämtliche Bücher zum Thema Achtsamkeit von Thích Nhất Hạnh, wissenschaftliche Literatur von Jon Kabat Zinn sowie von Vera Kaltwasser.

 

ARGE Jugend: hast du ein Lieblingszitat und wenn ja, warum ist es dieses?

Lisa: ja, dieses stammt vom indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti: „Ich habe nichts gegen das, was geschieht, weil es uns lehrt anzunehmen von dem was ist, losgelöst von jeglicher Bewertung“. Irgendwann steht jeder Mensch vor einer Situation, auf die er keinen Einfluss hat. Wir können nicht kontrollieren was uns und anderen geschieht, aber wir können kontrollieren, was in uns geschieht. Dabei unterstütze ich Menschen. Und eine persönliche Anregung, die ich allen Menschen mitgeben möchte: „Liebe was du tust. Egal was du in diesem Moment machst. Mach es mit Liebe. Der einzige Moment, der zur Verfügung steht, ist der gegenwärtige.“

 

Foto: Lukas Grablowitz

Lisa Christin Hörz ist Pädagogin, Achtsamkeitstrainerin und Yogalehrerin. Die 28-jährige Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin leitet das Studio yoga&more in Graz und arbeitet zum Thema Achtsamkeit in der Bildungsarbeit. Nähere Informationen finden sich auf www.yoga-and-more.at.

 

Quelle Beitragsbild: Pixabay (https://pixabay.com/de/photos/meditation-achtsamkeit-natur-3480815/), zuletzt abgerufen am 18.08.2020



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