Jahresrückblick 2016

Philosophie des Noch: Ein anderer Jahresrückblick 2016

„Die Fehler des Kopisten.“ Botho Strauss´ Buchtitel rückt die brillanten aphoristischen Skizzen in einen Kontext, der „wie bei den Kopierfehlern in der Evolution eine neue Gattung des Bemerkens entwickelt.“ Als „Schriftfortsetzer“ und „Randläufer […], jenes schillernde Autor-Insekt, das links und rechts der Buchseiten auf dem Weißen krabbelt […] und sich nur auf diesen schmalen Rändern der Welt erhalten kann,“ formuliert Botho Strauss die grandios-insinuative „Philosophie des Noch“, jener ortsungebundenen, jedoch zeitlich verortbaren Koordinaten an Hoffnung im Jetzt:

„Philosophie des Noch: Noch der sternklare Himmel, noch das Leuchten der blauen Wegwarte. Noch das Sommerlicht, noch das heitere Kind. Stöße der Erfüllung noch. Noch einmal dem endzeitlichen Bramarbasieren getrotzt. […] Noch. Und dieses N o c h wird auf lange Zeit jetzt zum wichtigsten Wort. […] Noch gilt das Gesetz. Noch heilt der Arzt. Noch ist alles. Und dieses Noch macht das Noch-Nicht des Utopisten überflüssig. Es ist an dessen Stelle getreten. Im Noch erfüllt sich alle Hoffnung.“[1]

Die „Philosophie des Noch“ hält eine zersplitternde Welt zusammen

Als hätte Botho Strauß vor knapp 20 Jahren eine passgenaue, zugleich ausreichend offene Philosophie für heute verfasst, die sich in einem unscheinbaren Wort verdichten lässt: Noch. Noch sind Diktatoren, Warlords, Mörder, Totschläger und Gewalttäter eine Minderheit, obwohl es weniger Demokratien als Despotenregimes gibt. Noch und zu allen Zeiten sind Menschen immer noch zum Guten fähig und willens. Noch kristallisieren sich universelle Werte im humanen Handeln der Mehrheit aus. Noch überflügeln Engagierte, Hilfsbereite, Solidarische und Weltveränderer in jeder Hinsicht die Resignierten, Zynischen, Sudernden, Raunzenden und alle anderen Untergangshofer, deren hasstriefendes Feuer sich aus dem ausgedacht Schrecklichen speist. Noch hegen die Verbündeten der verantwortungsvollen Tat die Berechtigung von Hoffnung wie ein seltenes Kleinod, von dem alles abhängt. Noch erhalten die optimistischen Nutzenbringer, nicht die grantelnd-lamoyanten Nichtsnutze Ehrungen und Auszeichnungen. Noch lächeln uns die Kinder in einer Weise an, die jeden Zweifel am guten Ende und jedes Verzweifeln an den Verhältnissen bei den sensitiven Zeitgenossen verstummen lässt. Noch seien wir selbstreflexive Vorbilder im Handeln. Noch brauchen die Hungernden, Notleidenden, Verzweifelten, Bedürftigen, Überzähligen und Ausgesonderten jede helfende Hand, jede Aufmunterung, jeden Zuspruch und jedes Maß an Augenhöhe, um die Verhältnisse ein wenig zu ihren Gunsten zu drehen. Noch funktioniert in unseren Regionen weit mehr, als von allen Beckmessern, Besserwissern und Mieselsüchtigen krankgejammert werden kann. Noch ist nicht aller Tage Abend.

Noch tun viele Menschen für uns mehr, als wir je rückerstatten können

 Noch haben wir alle Trümpfe in der Hand, um alles für jeden zum Besseren zu wenden. Noch herrschen nicht die Sachzwänge der Sahara, auch nicht jene der Antarktis, jenen lebensfeindlichsten Regionen, in denen sich indes Leben noch trotzig behauptet. Noch können wir über alles Erfolgreiche, Gelingende, Bequeme, Zu- und Vorhandene, Komfortable weitaus mehr meckern, als wir zu dessen Bestand durch unser Tun je beitragen werden. Noch backen andere unser täglich´ Brot. Noch bauen andere unsere Straßen und Häuser. Noch haben wir kaum etwas mit alledem zu tun, das wir tagaus, tagein für uns nutzen. Noch sichern all die anderen unseren Wohlstand, unser Auskommen, unsere ruhige Kugel. Noch gerieren wir uns als lächerliche Wutbürger, wenn all die anderen – uns meist devot Zuarbeitenden – all das ganz anders sehen oder gar ändern wollen. Noch macht uns niemand den Kafkaschen Prozess über die Disbalance aus dem Nutznießer- und Beiträgertum am Elend wie auch an den Erträgen der Welt. Noch hielt die allen Widrigkeiten zum Trotz frohsinnige Mutter von sieben Kindern aus Kenia unseren Umgang mit landwirtschaftlichen Produkten nicht für verwerflich: Sie könne sich nicht vorstellen, dass die in ihren Worten „klugen Europäer und Amerikaner“ jenen Mais, den sie als Nahrung für ihre sieben Kinder braucht, als Zusatz für Treibstoff verbrennen und dadurch den Preis für jenes Saatgut anheizen, das sie für die Ernährung ihrer Familie braucht. Noch rollen SUVs, VANS und andere 200-PS-Autos mit Biosprit durch die Metropolen. Noch können wir uns ein grünes Öko-Mäntelchen umhängen und zugleich die Grundnahrungsmittel an der Chicagoer Börse verteuern, weil wir ja noch genug zum Futtern haben. Noch können wir uns frei über alle Verwerfungen, Schräg-, Schief- und Katastrophenlagen unserer Welt informieren. Noch formen wir die Informationen zu Bildungs- und Kulturgütern, die wir als „Schriftfortsetzer“ weitereichen wie ein Staffelholz der Menschheitsgeschichte, das sein Weitergereichtwerden dem Denken, dem Lesen, dem Schreiben und dem Dialog verdankt. Noch sind wir keine Goetheschen Zauberlehrlinge. Noch sind wir keine Gesichts- und keine Namenlosen in Texten von Samuel Beckett oder Franz Kafka, denen jede Idee von Entrinnen zerronnen ist. Noch hätten, nein: noch haben wir eine Chance darauf, fürderhin keinen Menschen mehr gewaltsam zu Tode zu bringen. Noch ist diese wichtigste Vision der Menschheit völlig intakt! Noch können wir sie mit vereinten Kräften umsetzen!

Noch lässt sich die „Philosophie des Noch“ nicht falsifizieren

Noch haben wir mehr an Ausreden, Sündenböcken und außerhalb von uns seiende Ursachenzuschreibungen aufgetürmt, als wir je an Anklagen zu überstehen haben werden. Noch können wir gegen evidentes Unrecht nichts tun, wenig tun oder so tun als ob. Noch ist für jede/n das unpassend Passende dabei, um das an der Welt und an Menschen Angerichtete zu euphemisieren. Noch ist fast nichts einfach, jedoch fast alles ziemlich kompliziert. Wer immer noch an einer vermeintlich universellen sancta simplicitas sich festkrallt, dem wird noch lange kein Licht aufgehen. Viel zuviel ist immer noch eingebettet im Prokrustesbett des Noch-Nicht, welches die „Philosophie des Noch“ wie ein zäher Nebel überschattet: als könne sich das opake Noch-Nicht je anheischig machen, das besonnen-aufsässige „Noch“ jemals zu falsifizieren. Noch sollten wir es genießen, dass das Noch-Nicht zum Glück immer noch nicht erfüllt ist. Das möge noch Jahrtausende lang so bleiben! Noch braucht ein halbwegs gutes Leben keine Hinweise auf das Noch-Nicht. Es ergibt sich nämlich noch ganz von selbst und noch ganz ohne aufgeplustertes Zutun der Propagandaküchen.

Ich wünsche Ihnen und uns Gesundheit, Lebensfreude und viel Energie für das Jahr 2017.

Christian Ehetreiber

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[1] Botho Strauß: Die Fehler des Kopisten. München und Wien: Carl Hanser 1997, S. 135 und S. 166.



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