Weggehen und Ankommen – Teil 1

Samira mit Kind

Samiira mit ihrem Kind

Samiira* ist 17.
Samiira kommt aus Somalia.
Samiira lebt jetzt in Österreich.
Samiiras Heimat ist Graz.

Samiira spielt geistesabwesend mit ihrer einjährigen Tochter Hanna, als ich sie zum Interview besuche. Sofort war sie bereit, mir von ihrem Leben und ihrer Flucht zu erzählen. Sie war eine unter Tausenden, die jedes Jahr über das Mittelmeer nach Italien und dann nach Österreich kommen. Eine unter vielen, aber dennoch mit ihrer eigenen Geschichte.
Fliehen konnte sie gemeinsam mit vielen anderen, aber eigentlich war sie für sich alleine. Ihre Mutter schickte sie mit 10 Jahren aus ihrer Heimat Somalia nach Äthiopien. Zuvor wurde ihre Schwester von einer terroristischen Gruppe entführt und kam nie wieder zurück. Äthiopien war jedoch mehr Fluch als Geschenk für sie. Ihr Onkel missbrauchte sie. Einmal. Zweimal. Oft. 
Als dann auch noch ihre Großmutter, bei der sie lebte, starb, brach auch der letzte Kontakt mit ihrer Mutter ab. Seit mittlerweile vier Jahren weiß Samiira nicht, ob ihrer Familie noch lebt.
 
Irgendwann beschloss sie zu gehen. Sie hatte nichts, das sie mitnehmen konnte, also ging sie einfach los. Mit der Hilfe von vielen Menschen, Menschen, die sie nicht kannte, schaffte sie es so über den Sudan bis nach Libyen. Europa schon so nahe, aber doch noch so fern, geriet sie dort in die Hände eines Menschenhändlers. Dieser drohte ihr, ihre Organe zu verkaufen und weitaus Schlimmeres. Andere Flüchtlinge, die selbst schon nichts hatten, schafften es, für sie einen Platz auf einem rettenden Schlauchboot zu kaufen. Warum? Aus Nächstenliebe vielleicht. Ein Platz in der neuen Zukunft.

Zwei Monate später wurde sie in die Grundversorgung in Österreich aufgenommen. Wieder etwas später war sie schwanger. Der Vater ihres Kindes ist heute nach islamischem Recht auch ihr Ehemann. Jedoch trügt der Schein. Obwohl Samiira weitere neun Monate später eine gesunde Tochter zur Welt brachte, ist sie mit ihren 17 Jahren ganz auf sich alleine gestellt. Ihr Ehemann verbringt noch mindestens ein Jahr im Strafvollzug, und die Aussicht auf eine gemeinsame Zukunft ist derzeit noch keine gute.

Samiira ist also noch immer alleine, alleine mit ihrer Tochter in einem Land, das sie jetzt Heimat nennt. Bleibt sie auf dem richtigen Weg, so wird es auch ihre Heimat bleiben. Und wenn es nach ihr ginge, ist sie diejenige, die in 10 Jahren in Zeitungen berichtet. Vielleicht dann schon über eine menschlichere Art der Flucht.

Menschen wie Samiira gibt es viele in Graz. Ich bin mir sicher, ihr begegnet ihnen unwissentlich tagtäglich auf der Straße, im Bus oder beim Einkaufen. Oft genügt schon ein Lächeln oder ein freundliches „Hallo“, um zu Helfen, um das Ankommen schöner zu gestalten. Solltest du aber jetzt Lust haben, mehr zu erfahren oder sogar zu helfen, hier gibt’s weitere Informationen: 

Links zur Mitarbeit in der Flüchtlingshilfe

https://www.caritas-steiermark.at/aktuell/soziale-brennpunkte/hilfe-fuer-fluechtlinge/

http://dariadaria.com/2015/08/fluechtlingenhelfen.html

https://www.gruene.at/helfen

Links zur beschämend niedrigen Entwicklungshilfe der EU-28-Staaten

http://www.euractiv.de/section/entwicklungspolitik/interview/entwicklungshilfe-die-eu-ist-auf-einem-auge-blind/

http://www.spiegel.de/politik/ausland/entwicklungspolitik-eu-will-ursachen-von-migration-bekaempfen-a-1092109.html

* Der Name wurde zum Schutz der Privatsphäre geändert.

Judith Waltl
Mein Name ist Judith Waltl, und ich bin 19. Jahre alt. Ich  bin am 26.12.1996 geboren und bin momentan Maturantin an der HLW Sozialmanagement. Ich arbeite als hauptamtliche Mitarbeiterin in einem Frauenflüchtlingsquartier der Caritas Steiermark und bin in der Regionalflüchtlingsbetreung tätig. Ich bin begeisterte Weltenbummlerin und fühle mich überall schnell Zuhause. Deshalb ist es mir ein ganz besonderes Anliegen, den vielen hilfesuchenden Menschen ein neues Zuhause zu geben.



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