Die Zertrümmerung des Patriarchalen

Zum evidenten Fortschritt in der Gleichberechtigung von Frauen seit den 70er Jahren

 

Weibliche Lebensfragen: Was soll ich anziehen? Und was koche ich heute? (Oetker)

Unsere Impulsgeberin Sissi Sattler-Zisser brachte den Fortschritt in der Geschichte der Gleichberechtigung von Männern und Frauen auf den Punkt: „Unserer heutigen Jugend erscheinen die gesetzlichen Regeln, die bis in die 70er gegolten haben, so weit weg wie das Mittelalter!“ Wovon ist da die Rede? Frauen mussten ihren Ehemann um Erlaubnis fragen, wenn sie berufstätig sein wollten. In vielen Branchen gab es sogenannte Frauen-Kollektivverträge, welche die ungleiche Entlohnung von Frauen festschrieben. Wenn ein/e Ehepartner/in die Ehescheidung verweigerte, musste das Paar lebenslang zwangsverheiratet bleiben. Der Schwangerschaftsabbruch war mit Strafe belegt. Mädchen besuchten in aller Regel keine höheren Schulen, denn eine junge Frau werde ja bald geheiratet und brauche keinen Beruf. Vergewaltigung in der Ehe war bis in die 1980er Jahre kein strafbarer Tatbestand. Die sogenannte „G´sunde Watsch´n“ wie auch eine Tracht Prügel für Kinder gehörten zum gelebten Alltag in vielen Familien und Schulen. Die stereotypen Mädchen- und Frauenbilder, die allesamt dem jahrhundertealten Regieplan patriarchaler Retro-Weltbilder entstammen, findet Ihr, liebe Leserinnen und Leser, als Videos im Anhang zu diesem Text. Was uns heute als überzeichnete Satire oder Groteske erscheint, war damals jedoch Realität für Frauen! Eine Frau habe, so die Oetker-Backpulverreklame, „zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen? Und was soll ich kochen?“

Oetker-Backpulver-Reklame: Frau reduziert auf Dienerin des Mannes und auf Backmeisterin

Parteiübergreifende Frauensolidarität

Sissi Potzinger verwies in ihrem Statement darauf, dass die Eheleute erst ab 1979 verpflichtet wurden, sich die Aufgaben in der Familie partnerschaftlich zu teilen. Sie erinnert sich, dass die ÖVP und die katholische Kirche damals massiven Widerstand gegen den straffreien Schwangerschaftsabbruch leisteten. Heute, so Potzinger, sei der straffreie Schwangerschaftsabbruch in der ÖVP akzeptierter Grundkonsens. Man wolle Frauen, die abtreiben, kein schlechtes Gewissen einreden oder sie gar bestrafen. Sie wünscht sich eine qualitätsvolle Beratung, Begleitung und „Barmherzigkeit“ gegenüber jenen Frauen, die ihr Kind nicht zur Welt bringen wollen. Die „anonyme Geburt“ wie auch die Babyklappe“ seien daher die viel besseren Angebote, um ungeborenes Leben zu schützen. In Richtung ihrer Kolleginnen aus den anderen Parteien vermerkte Potzinger: „Einiges trennt uns, Vieles verbindet uns am Weg zur Gleichberechtigung!“

Mutter-Kind-Pass senkte Säuglingssterblichkeit

Heidrun Silhvavy verwies auf die eklatante Benachteiligung, denen uneheliche Kinder bis in die 1970er Jahre ausgesetzt waren. Sie erlebte viel zu viele Eingriffe des Staates und der Öffentlichkeit in ihr Privatleben als junge Frau, die mit 18 Jahren erstmals Mutter wurde. Silhavy unterstrich den von Gesundheitsministerin Ingrid Leodolter im Konnex mit einer Geburtenprämie eingeführten Mutter-Kind-Pass, der die Säuglingssterblichkeit in Österreich massiv absenkte. Erst 1978 sei Gewalt in der Familie gesetzlich verboten worden, so Silhavy. Die Durchsetzung von gleichen KV-Löhnen für gleiche Arbeit sei nicht nur ein Verdienst der Frauenbewegung gewesen, sondern war auch dem Umstand geschuldet, dass Frauen infolge geringerer Lohnkosten und oftmals höherer Leistung die Männer zunehmend aus dem Arbeitsmarkt verdrängten, so Silhavy.

Patriarchat ist auf dem Lande ungebrochen

Der Kabarettist, Musiker und Vater Jörg-Martin Willnauer hielt fest, dass das Patriarchat in den Städten weitgehend überwunden wurde, auf dem Lande jedoch ungebrochen hegemonial sei.  Willnauer identifizierte autoritär-hierarchische Systeme wie die Kirche, den Kultur- und Architekturbetrieb wie auch den Sport oder das Militär als verantwortlich für den Fortbestand patriarchaler Muster in unserer Gesellschaft. Mit Bezugnahme auf den Philosophen Ludwig Wittgenstein verortet Willnauer in den „Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt“. Das junge Lebensgefühl der 1970er Jahre habe in einem impulsiven Fortschrittsoptimismus bestanden: „Wir machen die Welt besser,“ so die Devise der politisch wachsamen Geister, eine Einschätzung, die einige Gäste teilten! Uli Taberhofer und Silvana Rabitsch erzählten als Impulsgeberinnen ihre persönlichen Erfahrungen im Zuge ihrer politischen Sozialisation, deren Wurzeln im Zeitgeist der 1970er Jahre gründeten. Die Referentinnen verwiesen auf den 3. Stock des Grazer Rathauses, wo großformatige Bilder von verdienstvollen Frauen im parteiübergreifenden Schulterschluss initiiert werden konnten. Viele Jahrzehnte lang konnte man im Rathaus nur Männerbilder bewundern.

Unvergessen: Nina Hagen sorgte im Club 2 für Skandal

Wenn es um freie Liebe und selbstbestimmte Sexualität geht, kann ein junges enfant terrible der 70er Jahre nicht weit sein. Einige Gäste erinnerten sich an Nina Hagens legendären Auftritt im Club 2,  wo sie Moderator Dieter Seefranz mit ihren Praxisübungen zur Masturbation erröten ließ und für einen formidablen Skandal in ganz Österreich sorgte. Joachim Hainzls mittlerweile zum Markenzeichen unserer Reihe „Reformpolitik der 1970er Jahre“ gewordener Infotisch widmete sich ganz dem Thema Nr. 1, das u.a. für die Vermehrung der Menschheit sorgt: der Sexualität. Die Materialpalette spannte sich von Büchern zur Förderung von frömmiger und sexuell enthaltsamer Sittsamkeit über Sexualberater Dr. Sommer im „Bravo“ bis zu einigen Ausgaben des Playboy.

Nina Hagen zeigt Masturbationstechniken im Club 2 1979

Wir dürfen abschließend auf unsere FB-Seite „Reformpolitik der 1970er Jahre“ hinweisen, wo Sie Ihre Meinungen, Bilder, Links und Videos gerne posten können. Wir freuen uns auf Ihre Beiträge und Erinnerungen an die 1970er Jahre, ob selbst erlebt, gehört, gesehen oder angelesen!

FB-Seite Reformpolitik der 1970er Jahre

Hinweis und Einladung zur nächsten Veranstaltung

Opfer von ewiggestriger Geisteshaltung? Die Verdrängung missliebiger Personen aus dem öffentlichen Raum

ReferentInnen: HR Mag. Josef Klamminger (Polizeidirektor der Steiermark); Thomas Rajakovics (Gemeinderat der ÖVP der Stadt Graz); Mag. Ronald Frühwirth (Rechtsanwalt Graz); Nora Musenbichler (Geschäftsführung der Vinziwerke Österreich)

Moderation: Joachim Hainzl und Christian Ehetreiber

Termin:. Di., 17.5.2016, 15.00 Uhr – 19.00 Uhr

Ort: Bildungshaus Mariatrost, Kirchbergstraße 18, 8044 Graz

ImpulsgeberInnen:

KO Claudia Klimt-Weithaler (KPÖ Stmk.)

Alex Mikusch (Streetwork Graz)

Michael Teichmann (Caritas)

Infos und Anmeldung über FB-Seite Reformpolitik der 1970er Jahre oder 0664/311 49 54 (Christian Ehetreiber)

„Reformpolitik der 1970er Jahre“ ist eine sechsteilige Bildungsreihe der ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus und des Vereins XENOS.

 

Text: Christian Ehetreiber

Links zu Songs und Videos, die bei der Veranstaltung am 26.4.2016 präsentiert wurden

 

Oetker-Backpulver-Reklame: Frau reduziert auf Dienerin des Mannes und auf Backmeisterin

https://www.youtube.com/watch?v=072LrlGvSq8&list=PL36D8057F9834354C&nohtml5=False

Donna Summer, I feel love … der Disco-Hit 1978

https://www.youtube.com/watch?v=f0h8Pjf4vNM

Udo Jürgens, ehrenwertes Haus, 1975 … ein Song gegen die Doppelmoral des reaktionär-Spießigen

https://www.youtube.com/watch?v=iZO1AgURC58

Dire Straits, Romeo and Juliet

https://www.youtube.com/watch?v=W9MzrirPrCI

Frank Zappa: Bobby Brown

https://www.youtube.com/watch?v=FuT4dvakkiA

Blondie, Heart of Glass; Ikone des New Wave (Nr. 1 in D, CH, A, USA, UK 1979)

https://www.youtube.com/watch?v=KnMkZDEaakg&index=91&list=PL611046B0537EC1D0

Loriots „Szenen einer Ehe“ der 1970er Jahre: Ehemann Hermann will nichts tun, doch das wird ihm von seiner Frau verwehrt!

https://www.youtube.com/watch?v=sJSLPv86QXo

Weitere Links zum Thema „Gleichstellung versus Ungleichbehandlung von Frauen“

 

Frau am Steuer, gespickt mit üblen Vorurteilen…

https://www.youtube.com/watch?v=UwCWo0k9YII

Frauenbilder in der Werbung: Prisma thematisiert die Stereotype über Frauen

https://www.youtube.com/watch?v=uuqXD_hAOOI

Frauenfeindliche Werbung für AKW Zwentendorf

https://www.youtube.com/watch?v=BeX5b7slDE4

Otto Waalkes persifliert Werbespots der 70er Jahre

https://www.youtube.com/watch?v=2mP2nzphSnc

https://www.youtube.com/watch?v=amGyAgfGm2U

https://www.youtube.com/watch?v=45At-qTx-tE

https://www.youtube.com/watch?v=9nLJLkHXvS8

https://www.youtube.com/watch?v=b2TD9l6XBeg

Hausfrauen in Werbefilmen: „Unsere Hausfrauen? Wir brauchen sie nicht mehr“ (Bosch)

https://www.youtube.com/watch?v=MURBzEOf1Sg

Das Handbuch für die gute Ehefrau, ein Hammer!

https://www.youtube.com/watch?v=yMqaSuz0N0E



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