Gedenklandkarte „Die andere Steiermark“ – ein Meilenstein!

Damit wir wissen, wovon wir reden

gedenklandkarte

„Wer sich mit Hunden ins Bett legt, der darf sich nicht wundern, wenn er mit Flöhen aufwacht!“ Mit diesem wenig schmeichelhaften Zitat bedachte ein obersteirischer Historiker im Jahr 1988 die Widerstandskämpfer der Partisanengruppe Leoben-Donawitz im Rahmen des Erinnerungsprojektes „Widerstand und Alltag. Die Eisenstraße im Dritten Reich“ des Trofaiacher Vereins für Friedensarbeit und Zivildienst. Das Ansinnen, einen Silvester-Heider-Platz – benannt nach dem am Thalerkogel bei Trofaiach gefallenen Partisan Silvester Heider – zu benennen, wurde mit dem Hinweis abgetan, dass Silvester Heider ja im Gemeindegebiet von Hafning erschossen worden sei, nicht in Trofaiach. Widerstandskämpfer hießen damals noch „Vaterlandsverräter“. Den Todesmarsch der ungarischen Juden euphemisierte die sogenannte Landsergeneration als „Judentrieb“. Bruno Kreisky, beliebtester und erfolgreichster Kanzler der 2. Republik, verunglimpfte 1975 in einem schamlosen Anfall von Verstiegenheit den engagierten Nazijäger Simon Wiesenthal als Nazi-Kollaborateur und Gestapospitzel, was abgesehen von Paul Blau und Peter Michael Lingens nur wenige Kritiker im Reich des Sonnenkönigs fand. FPÖ-Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager empfing unter Duldung der SPÖ-Regierungsmitglieder den Kriegsverbrecher und Massenmörder Walter Reder im Jahr 1985 als „letzten Kriegsgefangenen“. Der Dienst in Hitlers Wehrmacht wurde 1986 als „Pflichterfüllung“ vom damals obersten Repräsentanten der Republik Österreich, Dr. Kurt Waldheim, geadelt und mehrheitlich gewählt nach dem Motto: „Wir Österreicher wählen, wen wir wollen!“ Von der in Nazidiktion benannten „Ostküste“, gemeint war damit das amerikanische Judentum, wolle man sich in ewiggestriger Verstocktheit nichts sagen lassen über die Mitverantwortung zu vieler Österreicher am Nationalsozialismus.

Wikipedia über Walter Reder

Die historische Wahrheit ließ sich dauerhaft nicht ausblenden

gedenklandschaft st. martin

27 Jahre nach dem heiß umfehdeten „Gedenkjahr 1938/1988“ konnte am 15. Dezember 2015 im Bildungshaus Schloss St. Martin von der ARGE Jugend – in Zusammenarbeit mit mutigen Gedenkinitiativen aus 13 steirischen Gemeinden – die „Gedenklandkarte Steiermark. Steirische Gedenkstätten zum Zeitraum 1933 bis 1945“ präsentiert werden. Die eingangs zitierte Erstarrung Österreichs im unappetitlichen Bratensaft der Wehrmachtsnostalgie und des geschichtsblinden „Glücklich ist, wer vergisst“, ist mittlerweile durch das Wirken einer kritischen und sorgfältigen Zeitgeschichtsforschung und durch eine daran anknüpfende Zivilgesellschaft überwunden und durch ein „anderes Österreich“ ersetzt worden. Dieses „andere Österreich“ steht auf demokratisch-menschenrechtlichem Boden und betrachtet die Zeit von 1933 bis 1945 aus der Perspektive der Opfer des Faschismus und des Nationalsozialismus. Das heutige Österreich erachtet Widerstand und Opposition gegen die beiden faschistischen Diktaturen als „das Österreichische“, nicht die Wehrmachtsapologetik, der zufolge „wir den Krieg verloren hatten“, wie das in den 1980er Jahren noch hieß.

Präsentation Gedenklandschaft Steiermark

Präsentation Gedenkinitiativen

Vom Zeitzeugengespräch über Mahnmäler zur digitalen Gedenklandkarte

Die ARGE Jugend ist seit den frühen 1990er Jahren ein prägender Teil dieses „anderen Österreich bzw. dieser anderen Steiermark“. Der damalige Vorsitzende Peter Scheibengraf initiierte mit Maria Cäsar die ZeitzeugInnenarbeit in Schulen, Gemeinden und Jugendeinrichtungen. Mit unserem engagierten Historikerteam initiierten wir rund um die Jahrtausendwende die Gedenkprojekte „Todesmarsch Eisenstraße 1945“ und „Der Koffer der Adele Kurzweil“, denen zahlreiche weitere von uns begleitete Erinnerungs- und Gedenkprojekte in den steirischen Regionen folgten. Die beiden „jüngsten Meilensteine“ unserer zeitgeschichtlichen Erinnerungsarbeit sind die Website www.generationendialog-steiermark.at und die „Gedenklandkarte Steiermark“, die in digitaler Form und als Printversion insgesamt 36 Mahnmäler und Gedenkzeichen aus 13 Gemeinden verzeichnet. In der Retrospektive betrachtet, ist die Neuaneignung der vom Nationalsozialismus überschatteten Zeitgeschichte selbst ein Stück Technologiegeschichte: Wir begannen die ZeitzeugInnengespräche zunächst mit dem Kassettenrekorder, ehe wir die ZeitzeugInnen via VHS-Videos erstmals ins Bild setzten. Die sperrigen VHS-Kassetten wurden alsbald durch die schlankere DVD ersetzt, die mittels Computer abspielbar war. Internet, social-media und QR-Codes repräsentieren den aktuellen Meilenstein in der technologischen Unterstützung der zeitgeschichtlichen Erinnerungsarbeit. Wir verdanken unserem Freund und Vorstandskollegen Peter Webhofer, einem unermüdlichen und geduldigen Lehrmeister einer nutzbringenden Anwendung von Internet und social media, den Eintritt in diese neue Ära der Erinnerungs- und Gedenkarbeit, die freilich aufgrund des unkreativen Verharrens in der Sakristei einer entdifferenzierten Technologieskepsis mit teilweise massiver Ablehnung bedacht wird. Wir wissen jedoch, dass eine derartig Ablehnungen jeder technologischen Innovation entgegenschlägt, wie u.a. bereits Peter Rosegger es literarisch beschrieb, als dessen Oheim dachte, aus einem Eisenbahntunnel käme der Teufel heraus.

Dank an alle Mitwirkenden

Unser Dank für die erfolgreiche Umsetzung des Projekts „Gedenklandkarte Steiermark“ geht an: Nationalfonds und Zukunftsfonds der Republik Österreich; AK Steiermark; GIS Steiermark; Gedenkinitiativen in 13 steirischen Gemeinden; ARGE-Jugend-Projektteam: Mag. Bettina Ramp, MMag. Bianca Angerer, Mag. Peter Webhofer und alle zeitweise Mitwirkenden an diesem Projekt.

Bestellung der Gedenklandkarte Steiermark

Die Gedenklandkarte Steiermark kann bei uns kostenlos bestellt werden unter: christian.ehetreiber@argejugend.at oder in digitaler Form unter folgendem Link genutzt werden:

www.generationendialog-steiermark.at/Gedenkorte

Christian Ehetreiber

In Kooperation mit:

Österreichische Gesellschaft für politische



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