Politik als Bühne

Politik als Bühne: Das steirische Burg-Theater in der Grazer Burg

Politik als Bühne, die Medien als Licht- und Tontechnik, die Bürger als Vorstand des Bühnenvereins? Die Meinungsforschung als Claqueure und Einpeitscher? Das packende Dramolett in Thomas Bernhardscher Gewandung rund um die Bildung unserer steirischen Landesregierung braucht den Vergleich mit dem Wiener Burgtheater in dessen Glanzzeit unter Claus Peymann nicht zu scheuen. Wir beleuchten heute jene Rollen und Szenen, die sich dem grellen medialen Scheinwerferlicht und den schrillen Tönen entzogen oder die im Bühnenspektakel kaum jemand bemerkte.

Die Infragestellung des Plots: „Wos wor unser´ Hondlung?“

Fünf Jahre probte man im Grazer Burg-Theater ziemlich erfolgreich das Stück “Reformpartnerschaft. Eine Sanierung”; ein Stück des Genres “neue Sachlichkeit”, um dem “Bühnenverein Steiermark” das Überleben zu sichern. Das blau-orange Maulhelden-Ensemble des “Bühnenvereins Kärnten” hingegen war mit seinem barocken Monumentaldrama “Haftungsübernahme. Ein totalster Übertreibungsversuch” noch während der Hypo-Alpe-Adria-Tournee auf der Klagenfurter Seebühne direkt in den Fluten des Wörtersees ertrunken. Die Leichen schwimmen immer noch herum, sind paradoxer Weise nicht totzukriegen, füllen die Feuilletonseiten und die Gerüch(t)eküche. Das blau-orange Kärntner Drama, das als Lustspiel begann und als Tragödie endete, hätte für die Bühnenvereine in der Steiermark und im Burgenland ein aristotelisches Lehrstück im Sinne von “Tragödien- und Desasterprävention” sein können. War es aber nicht. Hieß es dereinst im blau-schwarzen Bundestheater: „Wos wor mei´ Leistung?“, so fand die Frage auf Landesebene seine Variation: „Wos wor unser´ Hondlung?“

Keine moralische Läuterung durch Karthasis aus Kärnten

Die wahlberechtigten Mitglieder des steirischen und des burgenländischen Bühnenvereins gaben den hiesigen Ablegern des blau-orangen Maulhelden-Ensembles ein gutes Viertel der Stimmen und skandierten wie seinerzeit in Innsbruck 1986: “Trotz Hypo-Desaster, wir wollen kein rot-schwarzes Gfraster”. Die Licht- und Tontechniker beleuchteten und beschallten “den größten Stimmenzuwachs” seit 1945, drehten die Lautstärkeregler auf Goebbelssche Propagandalautstärke. Der sachliche Hinweis des Regisseurs, dass gut 57% die Fortsetzung des Stückes “Reformpartnerschaft. Eine Sanierung” wünschen, ging dabei im Getöse von gleißenden Licht- und ohrenbetäubenden Toneffekten unter. Chaos pur. Keine Chance für die Bühnenstars der Reformpartnerschaft, im akustisch-visuellen Bühnendurcheinander auch nur ein vernünftiges Wort vernehmbar an die Mitglieder des Bühnenvereins zu übermitteln. Die verstanden nur “Bahnhof”, hatten ja schon beim „Remakeversuch der Kärntner Tragödie“ am Wahltag nichts verstanden. Sie fanden es längst an der Zeit, dass “irgendwas Neues, megacool und hypergeil und mit hoher Quote und so” auf der Bühne gegeben werden möge. Denn die Nichtwählerschaft im Bühnenverein hätte das Grazer Burg-Theater seit Jahren nimmer besucht. Außerdem sollte nicht nur Reifnitz, sondern auch die Steiermark endlich ein „GTI-Treffen“ auf die Bühne bringen, das Numinosum aller Alufelgen- und 300-PS-Mimen des Bühnenvereins mit dem vom betrunkenen Bierzelt-Publikum zu grölenden Vers: „Gummi, Gummi, denn i´ bin a Crash-Test-Dummi!“

Die unsichtbaren Spürbaren hinter den Kulissen

Inmitten von grellen Lichteffekten und voluminösen Toninstallationen brach alsbald unentwirrbares Chaos aus auf der Bühne, indem die Akteure durcheinander redeten und den eingelernten Text flugs vergessen hatten. Dazu gaben zuerst die Blackies, dann einige Reds auf Nebenbühnen das Improvisationsstück „Versprechen brechen. Kein Problem“, das sie am Grazer Burg-Theater schon so lange nicht mehr aufführen durften. Jetzt stand es sogleich am Spielplan, sorgte für Megaaufruhr, Beifallsstürmen und Hypes auf allen Bühnen. Zu allem Unglück wurden die Souffleure nicht mehr gehört, weil die Claqueure mit medialer Unterstützung sowie mit Megaphonen vermeintlich hilfreiche Regieanweisungen aus dem Publikum auf die Bühne brüllten. Daraufhin verlagerte sich das Bühnengeschehen hinter die Kulissen, wo das politische All-Star-Ensemble der Intriganten bereits die unsichtbaren Fäden zog.

Marantjosef: a blaues Wunder?

Dem Publikum entzog sich alles, es verstand wie immer nichts, wurde indes von sinnlicher Aufregung erfasst. Endlich Gossip, Bassena, Scham- und Ruchloses! Das Publikum skandierte: „Politik-Morast, sei unser lang vermisster Gast!“ Endlich konnte auch wieder das echauffierte „Huch, wie schrecklich“ aus dem Publikum lustvoll intoniert werden. Dazu die laszive Frage: „Müssen wir jetzt ganz wirklich den Auftritt der blauen Schurken fürchten?“, geäußert im Modus eines Appetenz-Aversionskonflikts, der die Bühne zu dem macht, was sie immer ist: zu einem Forum der Volksbelustigung und des Moralisierens im politischen Sperrbezirk. Fast schien es bereits so, als gewännen im allgemeinen Durcheinander die Macchiavellis bei Blackies und Reds die Oberhand, als könnte man nun den Klassiker „Macht. Um jeden Preis“ spontan inszenieren, seit Jahrzehnten ein Knüller des steirischen Stegreiftheaters, doch zu früh gefreut auf der Hinterbühne. Das Ende des blauen Wunders geschah noch vor dessen Anfang.

Die Retterin in höchster Not: Freundschaft als allegorische Figur

Die vom Bühnenverein angezählten und von den Claqueuren bereits totgesagten Fürsten nahmen das Heft der Regie noch einmal in die Hand, fuhren dem Intrigantenensemble so knapp vor dem totalen Endsieg in die Parade. Die Freundschaft als allegorische Figur führte zuvor beide Fürsten ins Bühnenseparee, wo sie alle Rollenerwartungen düpierten und unter vier Augen die unerwartete Wendung im Stück klammheimlich vorbereiteten. Doch kein „blaues Wunder“? Nein, es kam letztlich alles anders, als gerade noch gedacht. Dabei hatte sich die „Blaue Wundertruppe“, die Großmeister der volksdümmlichen Plakatreimkunst, schon so auf ihren Bühnenauftritt gefreut, hatte in der Reimschmiede schon fleißig gereimt: „Regieren tamma/am Stammtisch und mit Puntigamma“. Doch die beiden Fürsten verbannten die „blaue Wundertruppe“ Schulter an Schulter und aufrechten Ganges in den Requisitenkeller: „In die Ecke, blauer Besen/mit dem Reimen sei´s gewesen/denn auf die Bühne hol´n euch braune Geister/nie hervor zwei echte Meister!“ Schlussmusik der EAV „Echte Helden“. Vorhang.

EAV: „Echte Helden“

https://www.youtube.com/watch?v=p0hkPufaunQ



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.