Hunger nach Worten / A Hunger for Words

“Die Wörter in Gedichten und Geschichten sind Nahrung. Keine Nahrung für den Körper, niemand füllt mit ihnen seinen Magen. Sehr wohl aber sind sie Nahrung für den Geist und die Seele”, schreibt Peter Svetina (aus dem Slowenischen übersetzt von Urška P. Čern) in seiner Erklärung zum Motto des International Children’s Book Day 2020 – A Hunger for Words.

In der vergangenen Woche – genauer gesagt am 2. April – wurde jener Tag gefeiert, den man im Jahr 1967 ins Leben gerufen hatte: Der International Children’s Book Day / Internationale Kinder- und Jugendbuchtag / Weltkinderbuchtag. Das Datum wurde zu Ehren des dänischen Dichters Hans Christian Andersen festgelegt, der an diesem Tag im Jahr 1805 geboren wurde. Die Initiative ist dem International Board on Books for Young People- kurz IBBY- zu verdanken. IBBY verfolgt eine internationale Idee: Jedes Jahr trägt eine nationale Sektion des IBBY vor dem Hintergrund des Weltkinderbuchtags die Verantwortung für die inhaltliche Ausrichtung und formuliert ein Motto. Für Slowenien – als ausrichtendes Land im Jahr 2020 – hat Peter Sventina, als einheimischer Kinderbuchautor seine diesjährige Botschaft an die Kinder der Welt gerichtet:
“Wenn der Mensch hungert und durstet, schrumpft sein Magen, der Mund wird trocken. Er will auch nur ein Stück Brot, eine Tasse Reis, Mais, einen Fisch oder eine Banane finden. Je hungriger er ist, desto enger wird sein Blick, er sieht nichts anderes mehr vor sich als ein paar Bissen Nahrung, um satt zu werden“, erklärt Peter Sventina in seiner Botschaft „A Hunger for Words“.

Aber wie äußert sich der Hunger nach Worten? Wo finden wir die Lösung? Im Kühl- oder Bücherschrank? “Hunger nach Worten zeigt sich anders, er zeigt sich als Kleinmut, Gefühllosigkeit, Vermessenheit“, meint Peter Svetina. „Menschen, die von diesem Hunger geplagt werden, sind sich nicht dessen gewahr, dass ihre Seele durchkältet ist, sie sind sich nicht dessen gewahr, dass sie an sich vorbeigehen und sich selbst gar nicht sehen. Ein Teil der Welt fließt an ihnen vorbei, ohne von ihnen überhaupt je bemerkt zu werden. Diesen Hunger stillen die Gedichte und Geschichten.”
Den Hunger nach Worten stillen – ja, aber auf die Qualität der Zutaten ist zu achten!
Der internationale Weltkinderbuchtag dient dazu, das Interesse von Kindern und Jugendlichen an Büchern zu wecken und ihnen das Lesen schmackhaft zu machen. Besonders in Zeiten der Corona-Krise scheint Lesen eine wichtige Rolle zu spielen. Den Kindern und Jugendlichen soll gezeigt werden, wie genussvoll Lesen sein kann. Aber welches Angebot an Büchern steht auf der Karte und was davon darf als Empfehlung gelten?

Im vergangenen Jahr hat die Süddeutsche Zeitung eine Datenanalyse zu Geschlechterrollen in Kinder- und Jugendbücher veranlasst und dabei mehr als 50 000 Bücher und 42 000 Buchcover aus 70 Jahren herangezogen. Das Ergebnis der Analyse zeigte, dass Kinderbücher immer noch voller Geschlechterklischees stecken. In vielen Büchern wird es gedanklich eng, wenn es um Erzählungen für Kinder und Jugendliche geht. Oft scheint der Tellerrand zu hoch zu sein, um darüber hinauszudenken. Der vollständigen Bericht über die Analyse ist in folgenden Links zu finden:

Blaue Bücher, rosa Bücher. Federleichte Feen und starke Piraten: https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/kultur/gender-wie-gleichberechtigt-sind-kinderbuecher-e970817/Kinderbuch-Analyse.

Der Weg zu den Daten:https://www.sueddeutsche.de/kultur/datenanalyse-kinderbuecher-jugendbuchforschung-1.4279053

Buuu.ch Empfehlung

Es ist schön, auch von einer Initiative als Positivbeispiel berichten zu dürfen, die in puncto Kinder- und Jugendbücher auf vielfältige und reichhaltige Kost im Bücherschrank Wert legt. Nicht nur heute darf daher “buuu.ch” empfohlen werden. Der Gemeinschaftsblog rund um Kinderbuchreviews wurde 2012 ins Leben gerufen. Buuu.ch rezensiert Klassiker, Novitäten sowie besondere Schmankerl und stellt diese auf dem Blog vor. Da sehr viele Inhalte für Kinder im Geschichtentopf schwimmen und buuu.ch auf die Qualität der Zutaten achtet, werden jene Erzählungen, die Stereotype und Klischees reproduzieren, ausgesiebt. Im Blog finden nur interessante, witzige, spannende Kinder- und Jugendbücher ihren Platz, die vielfältige und progressive Rollenbilder vermitteln und auch marginalisierte Charaktere und Lebensrealitäten dabei nicht ausschließen.
Ziel des Gemeinschaftsblogs wäre, “dass noch viele solche Bücher erscheinen werden, die vor allem gute Geschichten erzählen und in denen Vielfaltsmerkmale nicht im Mittelpunkt stehen, sondern einfach ganz normal sind.” Wird nach einem Konzept gefragt, beschreibt es die Gründerin wie folgt: “Konzept? Puh! Nette Kinderbücher empfehlen, bei mittelnetter Kritik aufzeigen. – Das muss reichen als Konzept. Und über ganz schlechte abkotzen. … Schnell und schmutzig geschrieben, weil für viel Blabla hat Eltern eh keine Zeit!”

Im buuu.ch Blog versammeln sich auch jene Themen, die wir in unserem ARGE Jugend Workshopkatalog anbieten und die wesentlich für unsere Arbeit sind: Menschenrechtsbildung, Persönlichkeitsentwicklung, Antirassismusarbeit, Gewaltprävention, Konfliktmanagement, Weltreligionen, soziokulturelle Vielfalt, interkultureller Dialog und Diversität.
Abschließend noch ein paar kurze Leseproben aus Büchern, die es in den virtuellen Bücherschrank geschafft haben:

Ich bin ein Kind und ich habe Rechte (Aurélia Fronty / Alain Serres)

>>Ich bin ein Kind, mit Augen, Händen, einer Stimme, einem Herzen und mit Rechten. Ich habe das Recht auf einen Namen, einen Vornamen, auf eine Familie, die mir zulächelt, und ein Land, in dem ich mich zu Hause fühle. Ich habe das Recht, genug zu essen und zu trinken zu bekommen, damit ich wachsen kann. Besonders gern mag ich Orangen. Die kann man essen und trinken. Ich habe das Recht auf ein Dach über dem Kopf, es warm zu haben, aber nicht zu heiß, fern von allem Elend. Und ich habe das Recht, all das zu haben, was ich zum Leben brauche. Ich habe das Recht, versorgt zu werden, mit den besten Heilmitteln, welche die Menschheit erfunden hat. Zu laufen, zu springen, zu klettern und zu rufen. Wie schön ist es, gesund zu sein! Ich habe das Recht, kostenlos in die Schule zu gehen, um zu lernen, wie die Vögel fliegen, die Flugzeuge oder Klatschmohnsamen. Ich habe gleich viele Rechte, egal ob ich ein Mädchen bin oder ein Junge. Mädchen und Jungs und alle anderen Menschen sind gleich viel wert. Alles andere ist verkehrt! Ich habe das Recht, ernst genommen zu werden, egal ob ich schwarz oder weiß, groß oder klein, arm oder reich bin, ob ich hier geboren bin oder anderswo.<<

Good Night Stories for Rebel Girls (Elena Favilli / Francesca Cavallo)

>>Es war einmal ein Mädchen, das hieß Ada. Ada liebte Maschinen. Außerdem liebte sie die Vorstellung, fliegen zu können. Sie befasste sich ausführlich mit Vögeln, um das perfekte Verhältnis von Flügelweite und Körpergewicht herauszufinden. Sie testete verschiedene Materialien und entwickelte versuchsweise unterschiedliche Modelle. Zwar gelang es ihr nie, wie ein Vogel in die Luft aufzusteigen, doch sie schuf ein wunderbares Buch (Flyology) voller Zeichnungen, in dem sie all ihre Erkenntnisse festhielt. Eines Abends besuchte sie einen Ball und begegnete dort einem mürrischen alten Mathematiker namens Charles Babbage. Ada war selbst eine brillante Mathematikerin, und die beiden freundeten sich rasch an. Charles Babbage lud Ada ein, die von ihm erfundene Maschine anzusehen, die er ‘Differenzmaschine’ nannte und die selbsttätig addieren und subtrahieren konnte. So ein Gerät hatte es bis dahin noch nicht gegeben. Ada war hingerissen. ‘Wie wäre es, wenn wir eine Maschine bauten, die auch zu komplizierteren Rechnungen fähig wäre?‘, schlug sie vor. Begeistert machten Ada und Charles sich an die Arbeit. Die Maschine, die sie entwickelten, war riesig und muss von einer gewaltigen Dampfmaschine angetrieben werden. Aber Ada wollte noch weitergehen: ‘Wie wäre es, wenn diese Maschine auch Musik wiedergeben und außer Zahlen auch Buchstaben darstellen könnte? ’ Damit hatte sie die Idee des modernen Computers vorweggenommen, lange vor dessen eigentlicher Erfindung. Ada schrieb das erste Computerprogramm in der Geschichte.<<

Sorum und Anders (Yvonne Hergane / Christiane Pieper)

Sorum ist groß, Anders ist klein. Sie ist aus Watte, er ist aus Stein. Sorum trägt Hosen, Anders ein Kleid. Sie hat es eilig, er lässt sich Zeit. Sorum ist mutig, Anders nicht sehr. Sie ist ganz leicht, er ziemlich schwer. Sorum ist laut, Anders ist leise. Sie hat drei Aras, er eine Meise. Sorum isst Möhren, die mag Anders nicht. Milchreis mit Zucker ist sein Leibgericht. (…) Sorum sein ist voll okay. Anders sein tut auch nicht weh.<<

Wie ist es, wenn man kein Zuhause hat? Alles über Flucht und Migration. (Ceri Roberts / Hanane Kai)

>>Wer sind Zuwanderer und Geflüchtete? Unser Zuhause ist der Ort, wo wir mit den Menschen leben, die wir lieben. Zu Hause ist dort, wo wir unser Lieblingsessen kochen, wo wir unser Spielzeug haben und in unserem Bett schlafen können. Manche Menschen müssen ihr Zuhause verlassen, weil es dort wegen Krieg, einer Naturkatastrophe oder Terrorismus zu gefährlich geworden ist. Menschen, die ihr Zuhause verlassen mussten, nennt man Geflüchtete. Manche sagen aber auch Flüchtlinge. Andere Menschen verlassen ihr Zuhause, um an einem neuen Ort ein glücklicheres und gesünderes Leben zu führen. Manche haben auch schon Familie in einem anderen Land und wollen bei ihren Angehörigen sein. Und manche verdienen einfach nicht genug Geld und brauchen eine besser bezahlte Arbeit. Menschen, die ihre Heimat aus diesen Gründen verlassen, nennt man allgemein Zuwanderer. (…) Was meinst du? Wie könnte man helfen, dass diese Menschen sich nicht in solche Gefahr bringen. (…) Wenn du also ein neues Kind aus einem anderen Land triffst, ist es wichtig, dass du es willkommen heißt. Stell dir vor, du wärst an einem neuen Ort mit neuer Sprache und ganz ohne Freunde.<<

Wie du mich siehst (Tahereh Mafi)

>>Als ich das Klassenzimmer endlich gefunden hatte, war ich sieben Minuten zu spät. Ich stieß die Tür auf, die leise in den Angeln quietschte, worauf sich ein paar Schüler umdrehten. Der Lehrer verstummte, die Lippen noch zum letzten Wort geformt, die Mimik zwischen zwei Ausdrücken erstarrt. Er blinzelte mich an (…) und räusperte sich plötzlich. ‘Wie ich eben schon sagte, werdet ihr für diesen Kurs eine umfangreiche Lektüreliste abarbeiten müssen, und diejenigen die neu bei uns sind …’, er zögerte und warf einen Blick auf die Anwesenheitsliste in seiner Hand,’ … werden über unser extrem anspruchsvolles Lernpensum vielleicht erst einmal überrascht sein.’ Dann sagte er unvermittelt: ‘Entschuldige bitte, falls ich das nicht richtig ausspreche, aber du bist … Sharon?’ Er sah auf, sah mir direkt in die Augen. ‘Shirin’, sagte ich. ‘Ah ja.’ Der Lehrer – Mr Webber – machte keinen Versuch, meine Namen noch einmal korrekt auszusprechen. ‘Willkommen’. Ich sagte nichts. (…) Ich fand meine Eltern ganz schön bewundernswert. Immigranten aus dem Iran, die stolz auf ihre Herkunft waren und Tag für Tag hart arbeiteten, um mir und meinem Bruder ein besseres Leben zu ermöglichen. Mit jedem Umzug sorgten sie dafür, dass wir in eine bessere Gegend kamen, in ein besseres Haus, einen besseren Schulbezirk, der uns bessere Zukunftschancen bot. Sie kämpften. Strampelten sich ab. Gönnten sich keine Pause. Ich spürte, wie sehr sie mich liebten, aber es war auch klar, dass sie kein Verständnis für meine Probleme hatten, weil es in ihren Augen schlicht keine waren. Sie besprachen nie etwas mit meinen Lehrern. Riefen nie in der Schule an. Drohten nicht, die Mutter des Mitschülers zu kontaktieren, der mir den Stein an den Kopf geworfen hatte. Seit ich denken konnte, hatten die Leute mich wie Dreck behandelt – falscher Name/falsche Herkunft/falsche Religion/falsche Gesellschaftsschicht -, aber im Vergleich zu dem, was meine Eltern in ihrer Jugend durchgestanden hatte, war mein Leben so wunderbar einfach, dass sie beim besten Willen nicht nachvollziehen konnten, weshalb ich nicht jeden Morgen mit einem Lied auf den Lippen aufwachte.<<

Warum weint der Papa? (Kristina Murray Brodin / Bettina Johansson)

>>Außerhalb des Zauns sitzt ein Papa und weint. Warum tut er das? wundern sich Alvdis und Hamsa. War jemand gemein zu ihm? Oder ist er bloß müde? Vielleicht hat er etwas verloren? Ist er vom Fahrrad gefallen? Oder hat er nur zu viele Süßigkeiten gegessen? Vielleicht hat der Papa keine Freunde, sagt Hamsa. Vielleicht ist er traurig, weil er einsam ist. Ich war traurig, als meine Mama nicht mit mir Fußball gespielt hat, sagt Alvdis. Als sie in Ruhe gelassen werden wollte. Vielleicht ist der Papa müde, sagt Alvdis. Davon wird man auch traurig.<<

Weiterführende Links:

Buuu.ch Blog: https://buuu.ch/

International Board on Books for Young People, URL: https://www.ibby.org/

Peter Svetina zum Motto “Hunger nach Worten” (deutsch), URL: https://www.ibby.si/images/stories/2.april/2020/P._Svetina-deutsch.pdf

Ursula Dubosarsky liest die ICBD Botschaft von Slowenien (englisch), URL: https://www.youtube.com/watch?v=kcN3acEi_ko&feature=youtu.be&fbclid=IwAR2RfLoff3aUzwJbjfw-6BiQOortQjcvzEm6HB5pmv3dYzXsu7uuPxiS4QA

Archiv aller Internationalen Kinderbuchtage von 1967 – 2002 auf austrian literature online (mehrsprachig), URL:http://www.literature.at/viewer.alo?objid=14780&viewmode=fullscreen&rotate=&scale=3.33&page=1

Die Zeit: Julian die schwarze Meerjungfrau, URL: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2020-02/kinderbuecher-diversitaet-julian-ist-eine-meerjungfrau-jessica-love

Süddeutsche Zeitung: Blaue Bücher, rosa Bücher. Federleichte Feen und starke Piraten, URL: https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/kultur/gender-wie-gleichberechtigt-sind-kinderbuecher-e970817/

Süddeutsche Zeitung: Kinderbuch-Analyse. Der Weg zu den Daten, URL: https://www.sueddeutsche.de/kultur/datenanalyse-kinderbuecher-jugendbuchforschung-1.4279053

 



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