Up-date für die Arbeitswelt – Chancen und Gefahren der digitalen Revolution

Emails checken am Iphone in der Straßenbahn…Whatsapp-Chat in der Badewanne mit dem Arbeitsteam…ALEXA sucht auf Wunsch die passende Feierabendmusik…und während der Lieferservice die Essenbestellung per sms bestätigt wird die neue elektrische Zahnbürste auf Amazon bestellt. Ein typischer Alltag im Leben von Herrn und Frau Österreicher im Jahr 2018! Einfache Beispiele, wie die Digitalisierung mit allerlei High-Tech unsere Haushaltsführung und Freizeitgestaltung vermeintlich erleichtert. Doch nicht nur unser Privatleben wird digitalisiert – auch die Arbeitswelt wird zunehmend von Computertechnik, Robotik und künstlicher Intelligenz revolutioniert. Am 19.07.2018 fanden sich die Sozialminister/innen der 28 EU-Staaten in einem informellen Rat für Beschäftigung und Sozialpolitik in Wien zusammen und thematisierten die Herausforderungen, die durch neue Arbeitsformen infolge der „digitalen Revolution“ des europäischen und globalen Arbeitsmarktes entstehen. Herausforderungen, die politischer, wirtschaftlicher und gesamtgesellschaftlicher Handlungen bedürfen.

Von Eisenbahn und Strom zum Roboter, der Autos baut – industrielle und digitale Revolution im Vergleich

Der Begriff „digitale Revolution“ bezeichnet den durch Digital- und Computertechnik, Robotik und künstliche Intelligenz ausgelösten „Umbruch“, der seit Mitte des 20. Jahrhunderts in moderat großen sowie seit 2000 in enorm großen Schritten einen Wandel nahezu aller Lebensbereiche bewirkt und die Menschheit in eine hoch technisierte und professionalisierte virtuell geprägte Welt führt. Wieso die Digitalisierung unserer Lebenswelt als Revolution gesehen wird, zeigt eine vergleichbare Ära der Geschichte: so bewirkte bereits die Industrialisierung vor rund 200 Jahren – die „industrielle Revolution“ – mit der Geburtsstunde von Eisenbahn, Elektrizität und Co massive weltweite Umbrüche in Wirtschafts- und Arbeitswelt, Öffentlichkeit und Privatleben. Während bereits die industrielle Revolution mit der Erschließung neuer Wirtschaftsmärkte und einer Steigerung von Produktion als Reaktion auf den zunehmenden Bedarf an Waren und Leistungen einherging und heute im Wesentlichen durch eine lange Periode außergewöhnlichen wirtschaftlichen Wachstums definiert wird, vertreiben Amazon und Co heute Waren aller Art in Rekordtempo, Rekordmengen sowie mit Rekordumsätzen und Rekordgewinnen. Das weltweite Produktions- und Transportgewerbe wie nahezu aller Industriezweige schafft Rekord um Rekord um Rekord. Doch mehr noch: sie erleichtert und ersetzt bereits bestehende Arbeitsprozesse, macht ganze Berufsbranchen obsolet und führt damit weitläufig zur Situation, dass Maschinen die Arbeit von massenweise Menschen übernehmen – diese Arbeitnehmer/innen also an ihren Arbeitsplätzen ersetzen. So werden etwa Fakriksarbeiter/innen dort nicht mehr benötigt, wo ein Roboter, programmiert durch einen Algorithmus, routinierte manuelle Tätigkeiten ausführen kann. Fehlerfrei und unermüdlich, rund um die Uhr einsetzbar, ohne Krankenstand und Urlaub. Selbiges gilt für zahllose weitere Branchen, in denen digitale Technik menschliche Arbeit zu ersetzen vermag. Ein Grund zur Freude über neu gewonnene Muße oder eine Misere aus Existenz- und Sinnkrise? Spätestens an dieser Stelle setzt die alte Marx´sche Frage ein: wie besteuern und verteilen wir die Gewinne aus dem erarbeiteten Mehrwert?  Fest steht, dass eine digitalisierte Arbeitswelt einige große Fragen rund um Verteilungsgerechtigkeit und die Bewertung von “Arbeit” aufwirft ein dazu ein großes „Up-date“ für Arbeitsformen, Arbeitszeitgestaltung, Arbeitsort sowie viele weitere Bereiche rund um unsere Erwerbstätigkeit bedeutet. Ein “Up-date” für die Arbeitswelt, das sowohl Chancen wie auch Risiken birgt.

Freelancer im Homeoffice – Veränderungen in der Arbeitswelt


Unsere Arbeitswelt befindet sich auf mehreren Ebenen im Wandel. Ausbildungszeiten werden aufgrund zunehmender Komplexität von Tätigkeitsfeldern länger und der Einstieg in das Erwerbsleben beginnt folglich später, was letztlich in ein späteres Pensionsantrittsalter mündet. Der Arbeitsmarkt wird vielfältiger und dynamischer: ein Erwerbsleben geht vom „Amt auf Lebenszeit“ zunehmend in „Erwerbsabschnittsberufen“, letztere geprägt von regelmäßigen Fort- und Weiterbildungen, Arbeitslosigkeit, Umschulungen und neuer Selbstständigkeit – auch „freelancing “ genannt. Der/die heute Erwerbstätige nimmt mangels Einstieg in eine Vollzeitstelle mehrere geringfügige Jobs an oder kombiniert eine Teilzeitanstellung mit freien Dienstnehmer/innentätigkeiten. Neue Arbeitsrealitäten, die freilich auch in puncto Versicherungszeiten und Vermögensaufbau Fragen zur Klärung aufwerfen und langfristig neue Gestaltungsvarianten erforderlich machen – dies nicht zuletzt aufgrund der Fragmentierung von Versicherungsläufen bei häufigem Jobwechsel und mehreren Nichterwerbsphasen im Laufe des Erwerbslebens. Im hochqualifizierten Bereich werden Einstiegsbedingungen aufgrund von zunehmendem Selektionsdruck schwieriger. Dies zeigt die wachsende Zunahme an unbezahlten Pflichtpraktika als Eintrittsvoraussetzung für bestimmte Branchen sowie All-In-Verträge in der Privatwirtschaft, die eine klare Abgrenzung von Arbeits- und Privatzeit auf Dauer eliminieren. Hinzu kommt die Flexibilisierung der Arbeit in Bezug auf Arbeitsort (Homeoffice mit Telearbeit, Bestrebungen der Ausdehnung der zumutbaren Arbeitswege, Internationalisierung von Tätigkeiten), Arbeitszeit (Bestrebungen zur Verlängerung der zulässigen Tagesarbeitszeit auf bis zu 12 Stunden, saisonale Bereitschaftsdienste) und Arbeitsorganisation (wechselnde Teams, kein fixer Arbeitsplatz, auftragsbezogenes Arbeiten bei freelancer). Nicht zuletzt bilden sich neue Stressfaktoren: der Anspruch auf ständige Erreichbarkeit (E-mail, Handy), die Gefahr des Verschwimmens der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, erschwerte Planbarkeit von Tages- und Wochenarbeitszeiten sowie Arbeits- und Freizeitphasen, starke Dynamik der Arbeitstätigkeiten mit dem Erfordernis laufender Weiterbildung- und qualifizierung sowie hoher Selektionsdruck beim Berufseinstieg in „beliebten“ Branchen.

Hochqualifizierte Jobs werden komplexer, Niedrigqualifizierte überflüssig – Auswirkungen der Digitalisierung auf menschliche Arbeit


Mit der Digitalisierung vollzieht sich der Wandel in der Arbeitswelt vor allem in technologischer Hinsicht. Technik spielt in immer mehr Berufen eine Rolle, technologisches Wissen wird zunehmend zur alltäglichen Grundvoraussetzung. Dies generiert neben einschlägigem Wissenserwerb auch den Bedarf an laufender Weiterbildung, neuen und effizienten Formen des Wissensmanagements und der Kommunikation. Dabei steigt neben technischem Wissen auch die Bedeutung von Schlüsselkompetenzen wie etwa Selbstorganisation, Eigenverantwortlichkeit, Priorisierung von Tätigkeiten, Flexibilität, Qualitätskontrolle und Teamfähigkeit – letztere in Abstimmung der eigenen Arbeitsabläufe mit wechselnden, teils dislozierten, Kolleg/innen. Hinsichtlich hochqualifzierter Berufe, so bedeutet die Digitalisierung im weitesten Sinne den Bedarf, sich stetig mehr und schneller Wissen anzueignen. Für niedrigqualifizierte Arbeiten führt sie zum Wegfall einfacher (manueller) und routinierter Tätigkeiten (Beispiel: Fließbandarbeit), zum Wegfall körperlich anstrengenden Schaffens (Beispiel: industrielle Fertigung) sowie zur Zunahme von Steuerungs- und Kontrolltätigkeiten mit Eigenverantwortung und komplexeren Denkprozessen. Im „schlimmsten“ Fall wird niedrigqualifizierte Arbeit gänzlich durch digitale Systematik ersetzt.

Jobverlust, Stress und Existenznot – mögliche Risiken der digitalen Revolution für Arbeitnehmer/innen


Die möglichen Risiken der digitalen Revolution für Arbeitnehmer/innen liegen – sofern man keine Gestaltung vornimmt – vorrangig in folgenden Bereichen:
1. Wegfall traditioneller Arbeits- und Berufsbereiche mit einfachen und routinierten (manuellen) Tätigkeiten – mit dem Risiko des Arbeitsplatzverlustes bei Komplettersatz der Arbeit durch digitale Systematik
2. Erfordernis von zunehmend hoher Qualifikation, Weiterbildung, Flexibilität und permanenter Erreichbarkeit – mit dem Risiko von stressbedingter Beeinträchtigung von Familienleben, Freizeitgestaltung, Persönlichkeitsentwicklung und Gesundheit
3. Unsicherheit in der wirtschaftlichen Existenz – infolge von häufigem Jobwechsel mit Nichterwerbszeit sowie langfristigem Jobverlust
4. Schwierigkeit stabiler Lebensführung mit Langzeitplanung – durch mehrfache Jobwechsel, Änderungen in Arbeitsort-,zeit- und gestaltung und das Erfordernis zunehmender Internationalisierung und Mobilität

Zufriedenheit, Sinn und persönliche Freiheit – mögliche Chancen der digitalen Revolution für Arbeitnehmer/innen


Nicht zuletzt bietet die Digitalisierung – sofern man eine Gestaltung vornimmt – mögliche Chancen für Arbeitnehmer/innen:
1. Vielfältiges und abwechslungsreiches Schaffen statt Monotonie und Langeweile beim täglichen „Stundenrunterbiegen“ – mit der Chance erhöhter Arbeitszufriedenheit, Motivation und Sinnerfüllung
2. Entfaltung und Förderung individueller Talente und Potenziale – durch Selbstorganisation und Eigenverantwortung in der Arbeitsgestaltung
3. Wegfall körperlich anstrengender (gesundheitsgefährdender) Tätigkeiten – infolge des kompletten Ersetzens ausgewählter Tätigkeiten durch digitale Systematik
4. Möglichkeit der besseren Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben – durch örtlich und zeitlich flexible Arbeitsgestaltung

Neubewertung von Arbeit, neue Steuer- und Verteilungssysteme – digitale Revolution braucht Gestaltung!


Die digitale Revolution birgt Chancen und Risiken, Vor- und Nachteile für die arbeitende Bevölkerung. Doch was können wir tun, um die positiven Aspekte dieser Wende zur Entfaltung zu bringen? Die Antwort darauf gründet auf neuen Formen der politischen, wirtschaftlichen und individuellen Bewertung und Gestaltung von Arbeit, Steuer- und Verteilungssystemen. Ein negatives Beispiel, wenn nichts verändert wird: ein Roboter ersetzt einen werktätigen Menschen, der folglich arbeitslos wird und trotz Weiterbildungs- und Umschulungsmaßnahmen keinen Job mehr findet, weil ihn der „Arbeitsmarkt nicht braucht“. Er lebt nun vom Existenzminimum, wird gesellschaftlich als „Sozialschmarotzer“ verachtet und hat nicht die finanziellen Mittel, das große Ausmaß an Freizeit zu bespielen. Da er es zeitlebens gewohnt war, Freizeit nach Pflichterfüllung – also nach Schul- oder Arbeitstag – zu genießen, weiß er die neu gewonnene undefinierte Tageszeit auch nicht in qualitätsvoller und sinnstiftender Weise zu nützen. Ein Dasein, das langfristig frustriert und ein Gesellschaftssystem, das ein Individuum in menschenunwürdiger Weise an seinen Rand drängt. Der Schlüssel zum gedeihlichen Verlauf dieser Entwicklung liegt somit in der Umgestaltung des Systems und in der Entwicklung von Maßnahmen, um etwa folgendes positives Szenario Alltagsrealität werden zu lassen: die Digitalisierung übernimmt die „Menschen-Arbeit“, generiert deren vormals durch Erwerbstätigkeit verdientes Geld und spült es in die Staatskassen. Der Staat entwickelt neue Steuer- und Verteilungssysteme und bringt das Geld aus der „Roboter-Arbeit“ den Bürger/innen zurück. Neben weiterhin in verschiedenen Branchen Erwerbstätigen, die durch Digitalisierung Erleichterung erfahren und einen entsprechenden Verdienst erhalten, bekommen auch nicht erwerbstätige Menschen – derer es infolge der digitalen Revolution zunehmend mehr geben wird – ein Einkommen von der Gemeinschaft, mit dem sie ein würdevolles Auslangen finden, ihr Leben langfristig sinn- und qualitätsvoll gestalten und einen wertvollen Betrag zur Gesellschaft leisten können. Kurzum: für diese positive Entwicklung braucht es die entsprechende Gestaltung. Oder wie der große Denker Aristoteles meint: „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“.

Martina Weixler

Fotos: pixabay



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