Christian Ehetreiber: Aufrechter Gang als Programm. In memoriam Peter Scheibengraf 19.2.1947 bis 1.12.2020

Gedenkrede auf Peters letztem Weg, gehalten am 14.12.2020, Friedhof Graz-St. Peter

 

Liebe Gabi!

Liebe Töchter und Enkerl unseres lieben Peter!

Liebe Janou, lieber Jürgen, mit euren Töchtern Sophie und Valentina!

Liebe Sandrin, lieber Christoph, mit euren Söhnen Jan und Lorenz!

Liebe Lorraine, lieber Teo, mit eurer Tochter Jana!

Liebe Verwandte unseres lieben Peter!

Liebe Freundinnen und Freunde!

 

Wir trauern heute um unseren lieben Peter Scheibengraf. Wir gedenken gemeinsam einer unverwechselbaren, faszinierenden, seine Mitmenschen im besten Wortsinn prägenden Persönlichkeit. Wir verlieren einen liebevollen Vater, Großvater, Ehemann, Verwandten, einen aufrichtigen Freund, einen vertrauensvollen Mentor, den Gründer und Ehrenvorsitzenden der ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus.

Doch wir verlieren unseren Peter nicht, liebe Trauergemeinde! Wir tragen all seine gelebten Werte, seine aufrechten Haltungen in unseren Herzen. Ja, wir haben das eine oder andere zu unserem persönlichen Repertoire gemacht. Zudem verbinden uns wunderschöne Erlebnisse, Geschichten, Anekdoten mit Peter, die wir einander und unseren Kindern und Enkerln weitererzählen werden.

Peter war zeitlebens eine kantige Persönlichkeit mit Konturen und feinen Nuancen, ein Mensch mit Rückgrat, mit einem gelebten Humanismus des Handelns. „Aufrechter Gang als Programm“ – so der Titel der Festschrift zu Peters 60. Geburtstag – bringt Peters Grundhaltung auf den Punkt. Im Meer des Verwechselbaren bleibt Peter als ein Unverwechselbarer, als ein Solitär in Erinnerung. Konformismus, Buckeln und Speichelleckerei vor Obrigkeiten entzündeten in ihm jederzeit sein rebellisches Handlungsmuster, das keine Hierarchien akzeptierte, keine Kumpanei mit den Mächtigen duldete und den Widerspruch in nuancenreichen Schattierungen einsetzte: von der rhetorisch feinen Klinge bis zum brachialen Fanal, das sich immer gegen Mächtigere, nie gegen Schwächere wie ein Orkan entlud.

Peter trat sämtlichen Versuchen von politischer Einschüchterung, Bevormundung und Erpressung mit unermüdlichem Kampfgeist, energischem Mut und unbestechlicher Aufrichtigkeit entgegen. Liebe Trauergemeinde, da blieb kein Auge trocken, wenn Drohungen oder Maulkörbe „von oben“ einen ansatzlosen Return Peters provozierten, der dem vermeintlich Mächtigen dessen kümmerliche Vermeintlichkeit offenbarte.

Jahrmärkte der Eitelkeiten wirbelte Peter durch seinen Tacheles-Stil der freien Rede auf. Der geharnischte Widerspruch „nach oben“, der zugleich wertschätzende Respekt „nach unten“ bildeten zwei Grundprinzipien seines Kommunikationsstils, wobei Peter hierarchische Einteilungen von Menschen im Spirit von „all different, all equal“ zutiefst verabscheute.

Peter holte arrogante Rolleninhaber mit spürbarer Leidenschaft von ihren hohen Rössern herab, zeigte ihnen Grenzen auf, scheute keinen Konflikt. Wir Freunde bewunderten Peter stets wegen seines Mutes, seiner furchtlosen Kritik an Machthabern, seines beharrlichen Engagements für visionäre Vorhaben. Peter ließ sich nicht „auf vorgegebene Linien bringen“, nicht bevormunden oder sich vor irgendjemandes Karren spannen. Diejenigen in Politik, Verwaltung oder Medien, die ihn in Überschätzung ihrer Rollen an die Kandare nehmen oder ihm einen Maulkorb verpassen wollten, erinnern sich bis heute an die mitunter ramponierenden Folgen ihrer leichtfertig angezettelten Machtspielchen.

Unsere Wertschätzung gebührt Peter für seinen solidarischen Einsatz für jene Menschen, die nicht zu den Bewohnern der Sonnenseiten des Lebens zählen, mit denen er auf Augenhöhe redete, ihnen zuhörte, sie als Teil der gesellschaftlichen Mitte – nicht von Rändern – begriff. Ob Langzeitarbeitslose, Punks, Suchtkranke, bettelnde Menschen, Haftentlassene oder andere an den Rand gedrängte Personen: Peter lud sie zu sich ins Landesjugendreferat ein. Er führte mit ihnen einen oft stundenlangen Dialog bei Kaffee, Kuchen und einer Zigarette, hörte ihnen ganz genau zu, wo der Schuh drückt, entwickelte und unterstützte Projekte, die eine echte Verbesserung der Lebensumstände zum Ziele hatten.

Als „unorthodoxer“ Beamter setzte er im Landesjugendreferat Steiermark Meilensteine, die bis heute über Strahlkraft verfügen. Den dazu nötigen weltoffenen Rahmen, das Vertrauen, die Geduld und die nötige Verteidigungsbereitschaft gegenüber politischen Über- und Untergriffen steuerte sein besonnener Abteilungsleiter Dr. Wulfing Rajakovics mit Geduld und Ausdauer bei. Der Dialog zwischen dem geschätzten Herrn Hofrat und dem unorthodoxen Herrn Oberamtsrat ereignete sich immer im wechselseitigen Respekt, mit beidseitiger Wertschätzung und mit argumentativer Klarheit, meist gewürzt mit einer ordentlichen Portion Humor.

In Zusammenarbeit mit Helmut Konrad und Maria Cäsar etablierte Peter die ZeitzeugInnengespräche in steirischen Schulen. Die überparteiliche ARGE Jugend gegen Gewalt, Rechtsextremismus und AusländerInnenfeindlichkeit, die Peter zusammen mit Stefan Perschler und Max Aufischer 1992 als Netzwerk und Projektplattform gegründet und bis 1998 selbst geleitet hat, ist bis heute steiermarkweit in der Demokratie- und Menschenrechtsbildung aktiv. Peter förderte zudem eine Reihe an Jungunternehmern, die über innovative Projekte ihre ersten Aufträge erhielten und bis heute unser steirisches Menschenrechtsnetzwerk stärken.

Wie alle markanten Persönlichkeiten mit einem profilierten Charakter, der auf gelebten Werten und auf Taten statt auf Wortgeklingel gründet, polarisierte Peter wie kaum jemand, den ich kenne. Bei willfährigen Kammerdienern, Unterläufeln und Bütteln verbreiteten Peters unvergessen kantige Auftritte Angst und Schrecken, da man ihn weder mit Zuckerbrot, noch mit Peitsche oder Sanktionsdrohungen gefügig machen, sondern nur mit Respekt und guten Argumenten überzeugen konnte.

In der Sprache der ÖSV-Adler ausgedrückt, überzog Peter jedoch manchmal seine mutigen Rhetoriksprünge, vergab sich dadurch bisweilen die eine oder andere Chance, indem er zu gach und zu heftig vermeidbare Barrieren errichtete, die der von ihm verfolgten Sache manchmal unbeabsichtigten Schaden zufügte. Kein Vorteil ohne Nachteil!

Die feinsinnigen Nuancen seiner Persönlichkeit zeigte Peter nur seiner Familie und seinen Freunden: vom genauen Zuhören und Nachfragen über seinen eleganten Kleidungsstil, ab und zu konterkariert durch einen himmelblauen Trainingsanzug, dem Schach- und Tarockspiel, der fundierten Zeitungslektüre bis zum Genuss seiner Zigarillos bei einer Tasse Kaffee, immer zuckersüß mit vier bis sechs Würfelchen.

Peter liebte seine drei wunderbaren Töchter Janou, Sandrin und Lorraine, die tüchtigen Schwiegersöhne Jürgen, Christoph und Teo und seine Enkerl Sophie und Valentina, Jan und Lorenz sowie Jana über alles. Er erzählte stundenlang – ohne zu langweilen – abenteuerreiche, heitere und humorvolle Anekdoten über gemeinsame Erlebnisse, über Einsichten, die er aus Gesprächen, Spielen und Begegnungen mit den Kindern und Enkerln erfahren durfte.

Janou, Sandrin und Lorrain übermittelten mir Stichworte, was sie an ihrem Vater besonders schätzten: Janou erinnert an den Genussmenschen Peter, an seine Leidenschaft für gutes Essen, für seine feinsinnige Art des Rauchens, der Aufbewahrung unterschiedlicher Rauchwaren in kunstvoll gestalteten Dosen. Man konnte bei Peter immer zwischen mehreren Zigarettensorten auswählen. Janou betonte eine Reihe an Qualitäten ihres Vaters: seine kommunikative Begabung, sich mit jedem Mitmenschen gut unterhalten zu können, seinen starken Willen, den eigenen Weg zu gehen, sein soziales Engagement, seine Leidenschaft für Wissen, seine Weltoffenheit, verbunden mit seiner Reiselust in ferne Länder, sein Faible für das Erzählen von brillanten Geschichten und echt guten Witzen. Janou resümierte: Peter hat uns Töchtern und jedem der fünf Enkelkinder immer das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein.

Sandrin verwies auf die die größte Freude, welche die Töchter ihrem Vater bereiten konnten: mit gemeinsamen Urlauben oder mit selbst gestalteten Fotokalendern vom Familienleben. Sandrin erinnert sich an das Canasta-Spiel bis spät in die Nacht, das alle Mitspielenden mit Freude erfüllte. Sandrins Fazit lautete: „Peter war ein leidenschaftlicher Kartenspieler, ein lustiger, liebender Vater und Opa, ein großartiger Zuhörer, ein hilfsbereiter Mensch, und manchmal ein richtiger Sturkopf! Wir Töchter und Enkerl vermissen dich!“

Lorraine erlebte ihren Vater immer als humorvoll und sehr geduldig. „Er hat uns Töchtern eine schöne Kindheit ermöglicht und war immer für uns da.“ Wie Janou und Sandrin genosss auch Lorrain die gemeinsamen Spieleabende mit dem lieben Peter. Enkerl Jana hat an ihrem Opa geschätzt, dass er ihr immer zugehört hat und höchste Geduld bei Shoppingtouren bewiesen hat, was bei drei Töchtern und fünf Enkerln nicht hoch genug gewürdigt werden kann.

Wie Peters Familie haben auch wir engen Freunde unseren geliebten Peter über die rund drei Jahre seit seiner Diagnose auf dem schweren Weg begleitet. Wir haben ihn in den ersten Jahren in seinen Lieblingslokalen zum Essen in der Freundesrunde eingeladen, haben ihn danach regelmäßig zu Hause oder im Krankenhaus besucht, ihm Fotos und Videos gezeigt, einander stundenlang Geschichten erzählt, ihn bekocht und uns in den ganz schwierigen letzten Wochen seines Lebens in Form eines freundschaftlichen Besuchsradls an seinem Krankenbett abgewechselt. Franz, Rene, Hansi und ich konnten bis zuletzt an Peters Seite verweilen im freilich stets unzureichenden – jedoch IMMER NOTWENDIGEN – Versuch, das unvorstellbare Leiden durch unsere persönliche Anwesenheit, durch Zuhören und trostvolle Worte ein klein wenig abzumildern. Rene hat Peter noch am 1.12.2020 besucht, Franz, Hansi und ich einige Tage davor. Meinen mit Janou und Peter vereinbarten Termin am 2. Dezember 2020, 15h00, konnte ich leider nicht mehr wahrnehmen! Peter schloss seine Augen tags zuvor im Beisein seiner Familie!

Wir können uns nicht vorstellen, dass Peter nicht mehr in unserer Mitte ist, dass wir seine so facettenreiche Persönlichkeit bei Familientreffen und bei gemeinsamen Urlauben mit Töchtern, Schwiegersöhnen und Enkerln nicht mehr genießen können, dass wir in geselliger Freundesrunde mit ihm nicht mehr leidenschaftlich diskutieren können über die brennenden Themen unserer Zeit, dass wir über seinen Humor nicht mehr lauthals mit ihm lachen dürfen, dass wir mit ihm nicht Kulinarik und Lebensgenuss gemeinsam zelebrieren dürfen!

Ich bin mir jedoch sicher, liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde, dass die skizzierten Charakterzüge unseres mutigen, aufrechten, widerständischen, humorvollen und zugleich feinsinnigen Freundes Peter eine Heimstatt im Herzen und Handeln bei uns Freunden und Wegbegleitern haben werden, die mit Peter eine längere Zeit zusammengearbeitet, ihn geschätzt, verehrt oder geliebt haben. Ich bin überzeugt, dass wir alle, die wir uns heute im Erinnern an unseren geliebten Peter hier eingefunden haben, Geschichten aus Begegnungen, Gesprächen und Kooperationen mit Peter erzählen können, die generationenübergreifend viele Abende füllen und unseren Peter lebendig halten werden.

Wir trauern gemeinsam mit Peters Familie! Unvergessener Freund Peter! Dein Christian in Liebe und Bewunderung!

 

Credits Titelfoto: Peter Scheibengraf mit Maria Cäsar und ihrem Enkerl Maona (Fotorechte: Christian Ehetreiber)

 



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