Solidarität als Schlüssel zu einer starken Frauenbewegung

Ein Appell zum Weltfrauentag für einheitliches Auftreten, Formulieren von Forderungen für uns alle, Miteinander und Solidarität als Frauenbewegung

„Mädls, es gibt sensationelle Neuigkeiten!“ – so der freudige Ausruf von Steffi, während sie hastig auf uns zuläuft. Auf uns, ihre zwei Freundinnen, mit denen sie einmal pro Woche einen Mädels-Tratsch-Abend in einem Grazer Lokal verbringt. Heute, am sechsten März. Steffi ist 32 Jahre alt, studierte Sozialpädagogin, verheiratet und Mutter einer 2-jährigen Tochter. Sie arbeitet halbtags in einer Jugendeinrichtung in Graz-Umgebung. „Was gibt´s denn?“, fragt Verena lachend, die im schicken grauen Armani-Hosenanzug, mit stylischer Sonnenbrille im Gesicht und Aperolspritzer in der Hand lässig in ihrem Stuhl hängt. Die 36-jährige Verena ist Steuerberaterin und ein Workaholic der Sonderklasse. Sie hat in Mindestzeit studiert, kommt aus einer wohlhabenden und erfolgreichen Unternehmerfamilie und verbringt die spärliche Freizeit gerne auf Reisen mit ihrem Freund. „Jetz´ komm´ amal in Ruhe an“, beruhige ich schließlich die atemlose Steffi, als sie an unserem Tisch angelangt ist und Platz genommen hat. Ich, Martina, die 29-jährige Menschenrechtsaktivistin im Trachteng´wand, die mit ihrer Lebensgefährtin am Land lebt. Zuvorkommend stelle ich meinen Bierkrug ab und reiche der verschwitzten Steffi ein Taschentuch für ihre Stirn. „Danke…also…ich…..ich meine wir…..“, keucht Steffi atemlos und wischt sich den Schweiß von ihrer Stirn. Als sie sich etwas beruhigt hat, streichelt sie zärtlich über ihren Bauch und verkündet mit breitem Grinsen: „Wir sind ab Herbst zu viert!“ Was für eine schöne Überraschung! „Wow, gratuliere!“, rufen Verena und ich, springen auf, um unsere Freundin zu umarmen. Und natürlich überfluten wir sie sogleich mit Fragen: in welcher Schwangerschaftswoche sie bereits sei, ob es ein Bub oder ein Mädchen würde, welche Namen sie und ihr Ehemann Günther ausgesucht hätten und ob sie jetzt in ihrer kleinen Altbauwohnung im Grazer Herz-Jesu-Viertel bleiben oder umziehen wollten. „Das entscheiden wir alles später“, winkt Steffi unseren Fragemarathon ab. „Zuerst will ich mal die Übergabe an meine Nachfolgerin machen, bevor ich der Arbeitswelt endgültig den Rücken kehre. Und dann schauen wir in Ruhe, wie´s mit der Family weitergeht“. Plötzlich: Schweigen. Was hat sie gerade gesagt? Der Arbeitswelt endgültig den Rücken kehren…Während Verena erstarrt und mir einen entsetzten Blick zuwirft, bestellt Steffi fröhlich beim Kellner ein Pago Marille. Ich wage vorsichtig nachzuhaken: „das heißt….du willst gänzlich aufhören, zu arbeiten?“ Steffi nickt. „Ja, wisst´s eh…zwei kleine Kinder…und vielleicht wollen wir ja sogar irgendwann ein drittes….die Katzen haben wir auch….und wir reden ja schon länger davon, auf´s Land zu ziehen…ein Haus zu bauen…und finanziell geht sich das gut aus – der Günther verdient ja super als Maschinenbauingenieur“. Die Gründe für einen Umstieg von der Erwerbstätigkeit zum Hausfrauendasein mit Ehemann und Kindern scheinen zahlreich und allesamt plausibel. Und doch will die Schockstarre bei uns Freundinnen – vor allem bei Verena – noch nicht ganz weichen. „Ja aber….du als Heimchen am Herd, abhängig von deinem Mann“, entgegnet Verena plötzlich mit etwas abfälligem Unterton. „Wofür hast denn studiert, wennst´ dich dann aushalten lässt?“. Trotz Sonnenbrille kann man sehen, wie sie ihre Augen überdreht. „Naja, so kann man´s auch nicht sehen“, wende ich besänftigend ein. „Lebenssituationen ändern sich…umsonst studiert man nie…und wichtig ist doch, dass sie glücklich ist“, verteidige ich unsere werdende Mutter. „Ganz genau“, stimmt mir Steffi zu. „Ich will das so. Wir wollen das so. Und nachdem wir es uns leisten können – warum nicht?“ Verständliche Argumente. Dennoch verstehe ich auch Verena´s Unbehagen. „Und außerdem: ich find´s wichtig, dass eine Mutter zuhause bei ihren Kindern bleibt. Karrieregeile Workaholic-Rabenmütter und familienfeindliche Hardcorefeministinnen hat die Welt genug“. Wusch! Mit dieser Aussage knallt Steffi Verena eine Antwort zurück, wie sie provokanter nicht sein könnte. Und mehr noch: sie tritt damit gleichsam eine aggressiv-moralinsaure Diskussion zwischen den beiden los, die sich nach ein paar ähnlich provokanten Aussagen beider Seiten zu einem ideologischen Grabenkampf aufschaukeln, ganze zweieinhalb Stunden dauern und uns drei schließlich – kurz vor Lokalsperrstunde – in unterkühlter Missstimmung auseinandergehen lassen soll.

Steffi´s Ansichten über ihr Leben als Ehegattin, Hausfrau und Mutter, anfangs noch auf ihr eigenes Leben bezogen, schwellen im Laufe des Gesprächs zu hartem Absolutismus in Fragen der vermeintlich „optimalen“ traditionellen Rolle einer Frau in der Familie an – bezogen auf alle Frauen. Wer´s nicht so sieht, ist familienfeindlich – so der Kern ihrer Aussagen. Verena´s „Heimchen-am-Herd“-Sticheleien von anfangs feiner Klinge schärfen sich indes zu heftigen Vorwürfen dahingehend, Steffi würde die Errungenschaften der Frauenbewegung verraten. Sie erwachsen schließlich zu einem radikalen Manifest über Feminismus als Wegbereiter für Karrierechancen aller Frauen. Wer dem nicht folgt, konterkariert die Gleichberechtigung der Geschlechter – so ihr gegenläufiges Modell. „Wofür haben Frauen Gleichberechtigung in der Arbeitswelt erkämpft“, „Hausfrauen und Mütter leisten genau so viel wie Berufstätige“ und „Kindern geht es besser, wenn die Mutter zuhause bleibt“ – so ein paar Auszüge aus dem Wortgefecht, denen man zumindest den Anschein der Sachlichkeit und Allgemeingültigkeit nachsagen kann. Mit „Du hast halt nichts anderes als deine Karriere“, „Das letzte was du bist, ist eine Feministin!“ und „Feminismus und Gender-Marie bringen eh keiner Sau was“ wird hingegen beiderseits, destruktiv und plump, vor allem Öl in´s Feuer gegossen. Die moderne ambitionierte Karrierefrau gegen die traditionelle Ehegattin, Hausfrau und Mutter. Dazwischen ich als gutmütige Vermittlerin, die kraft Zugehörigkeit zu einer diskriminierten, tendenziell von liberal-progressiven Kräften protegierten Minderheit in Kombination mit einem bürgerlich-traditionellen Leben im Dorf scheinbar unzuordenbar ist und somit keinerlei Angriffsfläche bietet. Mein verzweifelter Versuch, in eben dieser halbwegs neutralen Rolle im hitzigen Gespräch zu vermitteln, zu beruhigen und einen Perspektivenwechsel auf beiden Seiten anzuregen, scheitert jedoch gänzlich. Und das Wortgefecht über persönliche Einstellungen und Präferenzen zu weiblichen Rollenbildern, Gestaltung des Familienlebens und Karriereplanung droht nun tatsächlich zur Gretchenfrage rund um die Bedeutung des Feminismus sowie zur Zerreißprobe für eine langjährige Frauenfreundschaft zu werden.

Am Nachhauseweg von unserem Treffen beschäftigen mich viele Gedanken, nicht zuletzt deshalb, weil übermorgen – am achten März – der Weltfrauentag gefeiert wird. Als Menschenrechtsaktivistin begehe ich den Weltfrauentag jedes Jahr voll Tatendrang – als Veranstaltungsorganisatorin- und besucherin, als Bloggerin, als Demonstrantin und Diskutantin. Ich begehe den Weltfrauentag mit Engagement für unsere Frauenbewegung und für unsere Frauenrechte. Und ich frage mich an diesem Tag besonders, warum es so enorm schwer ist und seit Jahren scheinbar zunehmend schwerer wird, beachtliche Errungenschaften für die Frauenbewegung zu verzeichnen und die Gleichberechtigung der Geschlechter stärker voranzutreiben. Die schmerzliche Antwort auf diese Frage gaben mir in diesem Jahr meine Freundinnen Steffi und Verena mit ihrem Disput: wir Frauen sind eine heterogene Gruppe, wir bilden keine Einheit als Bewegung und wir sind nicht solidarisch! Auf Basis dieser bitteren Erkenntnis lasse ich den heutigen Abend noch einmal in Ruhe revue passieren und formuliere spät nachts einen Text für den Blog jener Organisation, für die ich arbeite – der ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus. Ich widme diesen Text meinen Freundinnen Steffi und Verena, schicke ihn den beiden per email zu. In meinem Text gehe ich auf die Aussagen der beiden Frauen ein und fordere schließlich von ihnen, was ich von uns Frauen in Gesamtheit fordere: einheitliches Auftreten, Formulieren von Forderungen für uns alle, Miteinander und Solidarität! Wir müssen es schaffen, als Frauenbewegung eine Einheit zu bilden, die zusammenhält – unabhängig von eigenen politischen Gesinnungen, persönlichen Sichtweisen und individuellen Lebenssituationen. Wir müssen es schaffen, Forderungen zu formulieren und durchzusetzen, die für alle Frauen relevant und auf jede weibliche Lebenssituation bezogen sind – wie etwa Selbstbestimmung in der Lebensgestaltung – egal ob als kinderlose Karrierefrau oder Ehegattin, Hausfrau und Mutter. Wir müssen es schaffen, unsere Energie nicht im Gegeneinander von Frau zu Frau zu verschleudern, sondern im Miteinander als Frauen die eigentlichen „Gegner“ zu fokussieren – nämlich jene, die uns Gleichberechtigung auf allen Ebenen verwehren. Und wir müssen es schaffen, Solidarität zu entwickeln. Solidarität als Schlüssel zu einer starken Frauenbewegung.

Gewidmet meinen Freundinnen Steffi und Verena (Namen geändert)

Autorin: Martina Weixler
Bild: pixabay



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