Österreich im Spiegel der 8er-Jahre – Demokratie im Widerstreit mit Diktaturen 1848 … 1918 … 2018

Verstehen kann man das Leben rückwärts; leben muss man es aber vorwärts.
Sören Kierkegaard

 

Demokratie versus Diktaturen: ein roter Faden durch die Geschichte

 

„Der Widerstreit zwischen Demokratie und Diktatur zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der letzten 100 Jahre. Auf den Ebenen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft prägte der Gegensatz zwischen den beiden Polen die Entwicklung der Menschheit.“ Mit dieser prägnanten These führt der Historiker Martin Amschl in seinem lesenswerten Dossier durch ein Jahrhundert der Extreme zwischen 1918 und 2018. In der wissenschaftlichen Annäherung an historische Prozesse gebührt der Magie von Jahreszahlen selbstverständlich eine skeptische Haltung. Die geschichtliche Dynamik kümmert sich bekanntlich nicht um Zahlenspielereien. Nichtsdestotrotz haben es die sogenannten 8er-Jahre in Österreichs Geschichte wahrlich in sich mit ihrer geballten Energie einschneidender Ereignisse. Die missglückte bürgerliche Revolution von 1848 repräsentiert in der Reprise das Präludium eines 170 Jahre währenden Widerstreits zwischen verschiedenen Herrschaftsformen, der vom 8. Mai 1945 bis heute auf eine lange Epoche des Friedens, des Wohlstandes und der Gewaltfreiheit in der politischen Arena zurückblicken darf. Die im Zweiten Weltkrieg siegreichen Alliierten gewährten 1945 dem aus Eigenverschulden in zwei – freilich zu differenzierende – Diktaturen geratenen Österreich eine zweite Chance. Der großzügige Marshall-Plan der USA 1948 ermöglichte wirtschaftliche Prosperität und Wohlstand. Der Staatsvertrag und die immerwährende Neutralität des Jahres 1955 schufen kollektiv geteilte Mythen und politische Realitäten im Geiste einer westlichen Demokratie mit Rechtsstaat und Sozialpolitik, in der die politisch Verantwortlichen ihre Lehren aus dem Desaster der Ersten Republik gezogen hatten.

 

 

Murphys Law durchwirkte die Erste Republik

 

Was schiefgehen konnte, ging zumeist schief! Auf diese Kurzformel lässt sich die Perlenkette an Desaströsem der Zeit zwischen 1918 und 1938 zuspitzen. Martin Amschl erinnert in seinem Beitrag im kurzweiligen Zeitraffer an eine Reihe fataler Fehlentscheidungen der Eliten, verknüpft mit Fehlentwicklungen und externen Konfliktfaktoren nach dem Zerfall der Donaumonarchie mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg. Österreich am 12. November 1918: Das war der Rest. Fragment im Trümmerhaufen des einstigen Mythos Kakanien. Staat, den kaum jemand für überlebensfähig hielt. Anschlussvisionen an das Deutsche Reich, deren Realisierung von den Alliierten untersagt wurden. Lagerdenken in erbitterter Feindschaft zwischen Christlichsozialen, Sozialdemokraten und Deutschnationalen. Ein törichter, revanchistischer Diktatfrieden von Versailles und St. Germain, der die Drachensaat für den Aufstieg der Nationalsozialisten im politischen Feld ausstreute. US-Präsident Wilsons besonnenes Engagement für Versöhnung und für das Selbstbestimmungsrecht der Völker verhallte in der Ignoranz des Triumphes der Entente. Verstärkte Renaissance jenes chauvinistischen Nationalismus, der Europa bereits in den Ersten Weltkrieg gestürzt hatte. Die zarten Pflänzchen der Demokratie im Schraubstock zwischen faschistischen und kommunistischen Diktaturen. Bewaffnete Kampfverbände, welche die politische Arena mit Gewalt imprägnierten, die im Jahr 1934 zu zwei Bürgerkriegen der verfeindeten Lager führte. Engelbert Dollfuß hatte die Demokratie bereits im März 1933 handstreichartig beseitigt und eine Kanzlerdiktatur errichtet. Der Anschluss Österreichs an das Dritte Reich im März 1938 stürzte Österreich in die „Polarnacht der Demokratie“, wie wir die Zeit von 1938 bis 1945 in unserer Ausstellung betiteln, mit dem millionenfachen Tod auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges und den Millionen Ermordeten in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten.

 

Zweite Republik: Die richtigen Lehren aus dem Desaster gezogen

 

Die Alliierten gaben Österreich nach 1945 eine zweite Chance zur Etablierung der Demokratie, welche die Zweite Republik von Beginn an nützte. Konsensdemokratie statt Lagermentalität. Sozialpartnerschaft statt Klassenkampf. Österreichpatriotismus statt Anschlussgelüste an Deutschland. Neutralität statt Einbindung in Militärbündnisse. Westintegration statt kommunistischer Experimente. Ächtung von Gewalt in der politischen Auseinandersetzung statt bewaffneter Verbände, Bürgerkrieg und Todesstrafe. Beitritt zur Europäischen Union statt neonationalistischer Kleinstaaterei. Kurzum: Die Verantwortungsträger hatten ihre bittere Lektion aus dem „Zeitalter der Extreme“ gelernt. Sie machten nach 1945 alles besser als die meist im ideologischen Tunnelblick verharrenden tragischen Führungspersonen der Ersten Republik und des Austrofaschismus. In dieser Einschätzung stimmten alle von uns interviewten Persönlichkeiten aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Medien überein.

 

Europa in der Krise: vernunftbegabte Besonnenheit statt Alarmismus und Bagatellisierung gefragt

 

Die lange Zeit des Friedens, des wirtschaftlichen Erfolges, der Vollbeschäftigung, eines leistungsfähigen Sozialstaates und emanzipatorischer gesellschaftspolitischer Reformprozesse ist in eine Reihe von schweren, langfristig wirksamen Krisen geraten. Philosophen, HistorikerInnen, SozialwissenschafterInnen und Journalisten streiten trefflich darüber, welche Ereignisse die multiplen Krisen in Europa hervorgebracht haben. Gewissheit scheint darin zu bestehen, dass einige der aktuell drückendsten Krisen einander bedingen. Die wahnwitzige Naturzerstörung der 1960er und 1970er Jahre führte über gigantischen Raubbau die Umweltkrise, die Klimakrise und den grundsätzlichen Ressourcenmangel herbei. Die von reiner Profitgier motivierte Aufkündigung des Bretton-Woods-Abkommens verlagerte die politische und wirtschaftliche Macht von der Realwirtschaft zur Finanzspekulation an den Börsen mit fortschreitender Entmachtung des Bürgers und der gewählten Politik. Die neoliberale Invasion, ausgehend von Margaret Thatchers Plädoyer für eine Zweidrittelgesellschaft samt Zerschlagung von gewerkschaftlichem Einfluss, führte zu den – bis heute andauernden – Finanzkrisen des Sozialstaates in nahezu allen EU-Staaten. Seit 9/11 ist die gesamte westliche Welt von islamistischem Terror bedroht. Ingeborg Bachmanns 1953 verfasste Gedichtzeile „Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt“ firmiert als zutreffende Beschreibung der Weltlage seit dem 8.Mai 1945. Links- und Rechtsextremisten feiern abermals eine Renaissance und erobern die Parlamente mittels Wählervotum: Nutzung demokratischer Strukturen, um die Demokratie mittelfristig auszuhebeln. Die seit den 1990er Jahren halbherzig betriebene Flucht-, Migrations- und Integrationspolitik Europas verschärft viele andere Konfliktfelder massiv und entscheidet maßgeblich jede Wahl. Von einer Insel der Seligen, wie Papst Paul VI. Österreich in den 1970er Jahren zutreffend nannte, können wir in Anbetracht einer dräuenden globalen Fülle an Krisen und Katastrophen kaum mehr sprechen: weder in Wien, noch in Athen, Rom, Madrid, Berlin, Paris, Budapest oder Warschau.

 

Zeitgeschichte als retrospektives Echtzeitlabor

 

Doch in solch turbulenten Zeiten mit ungewissen Horizonten lohnt sich der interessierte Blick in die Zeitgeschichte. Denn gerade die Zeitgeschichte als Wissenschaft erweist sich als nützliches „Archiv mit retrospektivem Echtzeitlabor“, das eine ganze Fülle an ähnlichen Ereignissen inklusive erfolgter und unterlassener Lösungsansätze zum Nach- und Weiterdenken offeriert. Zeitgeschichte als Medium der Demokratiebildung funktioniert aber nicht mit der Oberflächlichkeit von Schlagzeilen oder Stehsätzen. Eine (selbst-)reflexive Nutzung des zeitgeschichtlichen Wissens achtet stets auf den differenzierenden Blick, sine ira et studio, um nicht die sprichwörtlichen Äpfel mit Birnen zu vergleichen, um nicht Vergangenes im Überschwang des Halbwissens mit gegenwärtigen Wirklichkeiten 1:1 gleichzusetzen. Selbst wenn die aktuellen rechts- und linksextremen Gruppierungen in Europa berechtigte Sorgenfalten erzeugen, sind sie mit dem systematisch ausgeübten Terror und vom Massenmord der Nazis wie auch des Stalinismus zum Glück nicht gleichzusetzen. Alarmismus gegenüber extremistischen Strömungen ist eine ebenso unangemessene Haltung wie Euphemisierung und Bagatellisierung.
Den unabdingbaren differenzierenden Blick, der thematische Zäsuren und Kontinuitäten des „Zeitalters der Extreme“ fokussiert, dabei die Verwobenheit der BürgerInnen mit den Systemen, Strukturen und Prozessen ihrer Zeit reflektiert, möchte unser Ausstellungsprojekt fördern, um die eine oder andere Lehre für Gegenwart und Zukunft ziehen zu können. Martin Amschls Text liefert einen kompakten Überblick über das Jahrhundert zwischen 1918 und 2018, bietet zudem viele einladende Anknüpfungspunkte für vertiefende Nachdenkprozesse.

„Im Zeitalter der Extreme. 1918 … 2018.“ Eine Publikationsreihe der ARGE Jugend auf Social Media.
3. Teil: Martin Amschl: Dossier zum historischen Kontext der Wanderausstellung

 

 

Mag. Dr. Martin Amschl, geb. 1988, ist Historiker. Seit 2017 arbeitet er für die ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus. Sein Tätigkeitsschwerpunkt liegt auf der Wanderausstellung “Im Zeitalter der Extreme”.



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