Die österreichischen Nationalfeiertage im “Zeitalter der Extreme” – Eine historische Analyse zum 26. Oktober

Am 26. Oktober feiern wir wie jedes Jahr unseren Nationalfeiertag. Die meisten Menschen freuen sich über einen arbeitsfreien Tag. Viele nehmen auch an den beliebten Wanderungen anlässlich des Feiertages teil. Glaubt man aber Umfragen, sowohl offiziellen als auch jenen im eigenen Bekanntenkreis, weiß ein überraschend hoher Prozentsatz der österreichischen Bevölkerung nicht, was wir eigentlich feiern. Dazu kommen noch jene, die mit der Antwort „der letzte Besatzungssoldat hat Österreich verlassen“, knapp aber doch danebenliegen. Diesen Befund nehmen wir zum Anlass die wahre Bedeutung des 26. Oktober zu analysieren, kritisch zu hinterfragen und darüber hinaus noch die Geschichte der österreichischen Feiertage im 20. Jahrhundert zu beleuchten.

 

Erste Republik

Nachdem die Monarchie infolge des Ersten Weltkrieges unterging und die Erste Republik ihren Platz einnahm, mussten ihre Gründerväter eine eigene Identität erschaffen. Ein wichtiger Teil davon war die Schaffung eines Nationalfeiertages. Man entschied sich für den 12. November. An diesem Datum wurde 1918 von der provisorischen Nationalversammlung die Republik Deutsch-Österreich, die wenig später in Österreich umbenannt wurde, ausgerufen. In der Folge sollte diesem Ereignis alljährlich in Form des „Tages der Republik“ gedacht werden. Ein allgemein akzeptierter Feiertag wurde der 12. November allerdings nie. Dies lag an den massiven politischen Gegensätzen der Parteien in der Ersten Republik. Während die Sozialdemokraten den 12. November alljährlich in großem Stil feierten und, vor allem ab Ende der 1920er Jahre auch durchaus martialisch, an diesem Tag ihr Bekenntnis zur Republik und ihren Errungenschaften betonten, lehnten Konservative und Deutschnationale den Feiertag ab. Große Teile dieses politischen Lagers distanzierten sich ab Beginn der 1930er von der Republik. Deren demokratische und soziale Errungenschaften bezeichneten sie als revolutionären Schutt, den es zu beseitigen galt. Letztendlich gelang ihnen das spätestens nach dem Scheitern des Februaraufstandes 1934 auch. In der Folge musste im Zuge der Etablierung des Ständestaates auch ein neuer Feiertag geschaffen werden.

 

Ständestaat und Nationalsozialismus

Als Ersatz für den Nationalfeiertag schuf der Ständestaat einen Staatsfeiertag. Dieser wurde auf den 1. Mai gelegt. An diesem Tag wurde 1934 die faschistische Maiverfassung der neuen Machthaber beschlossen. Bis dahin war der 1. Mai der größte Feiertag der Arbeiterbewegungen gewesen. In der ersten Republik herrschte an diesem Tag eine gesetzlich verordnete Arbeitsruhe. Den Feiertag des Ständestaates genau an diesem Tag abzuhalten war natürlich eine kalkulierte Demütigung der besiegten Sozialdemokratie. Außerdem ersparte sich die Regierung im Einklang mit dem generell arbeitnehmerfeindlichen Kurs, einen arbeitsfreien Tag. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme blieb der 1. Mai ein staatlicher Feiertag. Dies lag daran, dass die Führung der NSDAP diesen Tag zu einem Tag der nationalen Arbeit uminterpretiert hat.

 

 

Zweite Republik

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, verfügte die neue Zweite Republik zehn Jahre lang über keinen Nationalfeiertag. Gefeiert wurden weiterhin zahlreiche katholische Feiertage sowie, jedoch natürlich ohne Verweis auf Ständestaat und Nationalsozialismus, der 1. Mai. Erst nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages begannen Überlegungen einen neuen Nationalfeiertag zu schaffen. Diese standen in Zusammenhang mit dem Versuch eine eigene österreichische Identität zu schaffen. Dabei wollte man sich vor allem von Deutschland abgrenzen. Es dauerte allerdings noch 10 Jahre, bis ein offizieller Nationalfeiertag beschlossen wurde. Zunächst wurde am 25. Oktober, an diesem Tag hat im Jahr 1955, der letzte Besatzungssoldat Österreich verlassen, in Schulen der „Tag der Flagge“ begangen. Von 1956 bis 1965 erweiterte man die Feierlichkeiten auch auf den außerschulischen Bereich. Außerdem beschloss der Ministerrat den nun „Tag der Fahne“ genannten Festtag auf den 26. Oktober zu verlegen. Ausschlaggebend dafür war die Tatsache, dass die Regierung, die am 26. Oktober 1955 beschlossene Neutralität stärker betonen wollte, als den Abzug der letzten Besatzungssoldaten. Die Neutralität sollte in der Folge, neben Natur und Sport zu den wichtigsten identitätsstiftenden Merkmalen der Zweiten Republik werden. Aus der zeitlichen Nähe der beiden Ereignisse resultiert auch die noch immer weitverbreitete Meinung, man würde am 26. Oktober den Abzug letzten Besatzungssoldaten feiern.

 

Da der „Tag der Fahne“ zwar festlich begangen wurde, jedoch nicht arbeitsfrei war, ist er noch kein offizieller Nationalfeiertag gewesen. In zweierlei Hinsicht war die Bezeichnung „Tag der Fahne“ außerdem nicht ideal für einen Nationalfeiertag. Vor allem die ältere Generation musste in ihrem Leben nämlich bereits fünf Mal miterleben, wie die Nationalflagge gewechselt wurde. Daher konnte eine Fahne für sie kein Stabilität bedeutendes Symbol sein. Außerdem bekam der „Tag der Fahne“ aufgrund der festlich bedingten starken Alkoholisierung vieler Österreicherinnen schnell eine humoristische Konnotation, die eines nationalen Feiertages unwürdig war. 1965 wurde schließlich im Parlament über die Schaffung eines offiziellen Nationalfeiertages debattiert. Neben dem 26. Oktober standen der 12. November, der 27. April, an diesem Tag wurde 1945 die provisorische Staatsregierung gebildet, welche die Republik Österreich proklamierte und 15. Mai, an dem im Jahr 1955 der Staatsvertrag unterzeichnet wurde, zur Diskussion. Letztendlich entschied sich der Nationalrat einstimmig für den 26. Oktober als Nationalfeiertag. Ab 1967 ist der Nationalfeiertag auch arbeitsfrei.

 

Die Bedeutung des Nationalfeiertages in der Gegenwart

Angesichts der historischen Entwicklungen in der Zeit nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem damit verbundenen Ende des Kalten Krieges stellt sich die Frage, ob der Nationalfeiertag aus heutiger Sicht noch relevant ist. Vor allem der Beitritt Österreichs zur EU hat die Neutralität in ihrer ursprünglichen Form, in der sie am 26. Oktober gefeiert wird, stark eingeschränkt. Nicht zufällig wurde bis Ende der 1980er Jahre ein EU-Beitritt von Verfassungsjuristen und von der Mehrheit der österreichischen Bevölkerung als mit der Neutralität völlig inkompatibel angesehen. Dennoch wurde dieser wichtige und richtige Schritt schließlich getan. Mit der schwindenden Relevanz der Neutralität geht nun auch die Frage nach einer Verlegung des Nationalfeiertages einher. Die Tatsache, dass viele Menschen in Österreich nicht wissen, was wir am 26. Oktober eigentlich feiern, stellt den Sinn des Tages infrage.

Man könnte richtigerweise einwenden, dass noch weniger Menschen in unserem Land wissen, was an den vielen arbeitsfreien katholischen Festtagen, man denke nur an Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt etc., gefeiert wird. Dennoch kommt fast niemand auf die Idee, diese abschaffen oder verlegen zu wollen. Für einen säkularen Staat wie Österreich ist es jedoch ungleich wichtiger, dass die Menschen einen stärkeren Bezug zu den staatlichen Feiertagen haben, als zu den kirchlichen. Letztlich spielen nämlich gerade diese Tage für die nationale Identität eine wichtige Rolle. Wie erwähnt, ist der Grund der Feierlichkeiten am 26. Oktober jedoch überholt. Die Neutralität war als identitätsstiftendes Merkmal lange Zeit sehr wichtig, ist aber vor allem für die jüngere Generation nicht mehr so bedeutend. Wirft man einen genaueren Blick auf die Geschichte der Neutralität in Österreich, stellt man fest, dass diese im streng juristischen Sinnen nie eingehalten wurde. Außerdem hätte sie im Falle einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt wenig bis keine praktische Bedeutung gehabt. Dies führt zur paradoxen Situation, dass Österreich wohl eines der wenigen Länder der Welt ist, das an seinem Nationalfeiertag etwas feiert, von dem weite der Bevölkerung nicht wissen, was es ist, das nicht mehr existiert und genau genommen nie wirklich existiert hat.

Es wäre daher für eine lebendige und identitätsstiftende Erinnerungskultur wichtig einen Diskurs über den Nationalfeiertag zu führen. Dessen Bedeutung sollte sich stärker an demokratischen Werten orientieren als an der Neutralität. So gesehen würden der 12. November oder der 27. April die großen Errungenschaften der demokratischen Republik Österreich besser symbolisieren als der 26. Oktober. Vor allem für Schülerinnen und Schüler ist es wichtiger die Bedeutung der Demokratie zu verstehen als jene der Neutralität. Diese Werte ließen sich in Zusammenhang mit einem Nationalfeiertag, der darauf referiert, besser vermitteln. In größerer Hinsicht sind Demokratie und Menschenrechte in einem Europa, das sich im Moment in Richtung Autoritarismus entwickelt, wichtigere Grundpfeiler einer Republik als die Neutralität. Im Sinne eines modernen und zukunftsorientierten Österreich, ist es zweifellos wichtig offen über eine Verlegung des Nationalfeiertages zu diskutieren. Im Sinne der ArbeitnehmerInnenfreundlichkeit könnte man den 26. Oktober ja ersatzweise, als ehemaligen Nationalfeiertag weiterhin arbeitsfrei belassen.



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