„Kulturkampf im Klassenzimmer“ – der Weckruf einer Lehrerin zum Umgang mit unangenehmen Wirklichkeiten

„Eines der schlimmsten Erlebnisse war, dass eine Schülerin ihr Sommerkleid zerschneiden musste, damit sie nicht wie eine Christin aussieht“, so Susanne Wiesinger, NMS-Lehrerin aus Wien-Favoriten. Sie erzählt von ihren Erfahrungen im Schulalltag mit muslimischen Schülerinnen und Schülern. Von jungen Menschen, die den Terroranschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo im Jahr 2015 als Heldentat ansehen, weil all jene, die den Propheten Mohammed beleidigen, den „Tod verdient hätten“. Von Mädchen, für die mit Einsetzen ihrer Periode die Auswahl eines Ehemannes in Wiener Moscheen beginnt. Von 13-Jährigen, die aus den Biologiebüchern vermeintlich „verbotene Körperdarstellungen“ herausschneiden und das Lernen „inakzeptabler Inhalte“ verweigern. Von Jungen und Mädchen, die mitten im Ramadan kollabieren, weil sie zwischen Schularbeitenstress und Sportunterricht nichts essen oder trinken. Diese den Schulalltag täglich beherrschenden Herausforderungen schildert die 53-jährige Deutsch- und Musiklehrerin, die seit 25 Jahren im Schuldienst tätig ist, in ihrem neu erschienenen Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer – wie der Islam die Schulen verändert“.

Mut zum wertfreien Diskurs

60 Prozent der Kinder an Wiesinger´s Schule seien Muslime, ganz allgemein liegt der Anteil muslimischer Schüler/innen an Wiener Pflichtschulen bei 45 % (in der Steiermark bei 13 %). Der in Buchform gegossene Weckruf der Lehrerin, der medial hohe Wellen schlägt, polarisiert und stellt nicht zuletzt für die Autorin selbst eine Zerreissprobe dar. „Es wäre schlimm für mich, als ausländerfeindliche, islamophobe Lehrerin zu gelten“, so Wiesinger. Daher stand vor ihrem öffentlichen Appell die drückende Angst, fortan in´s rechte politische Eck gestellt zu werden – zu einer Ideologie, die sie nie geteilt hat und in der sie keine konstruktiven langfristigen Lösungen sieht. Doch welche Lösungsansätze liefert nun die Frau, deren Geschichte seit Wochen österreichweit die Tageszeitungen füllt, aus ihrem persönlichen Berufsalltag? „Wir sollten endlich anfangen, über die sich zuspitzenden Herausforderungen im Klassenzimmer zu diskutieren“, schreibt die Lehrerin im Nachwort ihres Buches. Sie meint damit einen offenen, faktenorientierten und von „rechts-links“ Stigmata befreiten gesamtgesellschaftlichen Diskurs. Einen Diskurs, wie man ihn im Grunde bei jeder großen Herausforderung zur effektiven Problemlösung braucht. Des Weiteren hebt Wiesinger den Rechtsstaat hervor, will demokratische und humanistische Werte im Jugend- und Bildungsbereich stärker herausgestrichen sehen. „Es gibt kein Ihr und Wir“, konstatiert sie. „Wir sind hier alle in einem demokratischen Rechtsstaat mit Regeln, an die sich alle halten müssen“. Ein wichtiges Grundprinzip, dem sich auch die steirische Charta des Zusammenlebens in Vielfalt unterwirft. So definiert Grundsatz 1.2 der Charta die Rechte und Pflichten jedes in der Steiermark lebenden Menschen wie folgt: Das Zusammenleben aller in der Steiermark beruht auf Gleichberechtigung und Freiheit der bzw. des Einzelnen – mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten auf Basis unserer Rechtsordnung. Diese Rechtsordnung ist nicht durch Berufung auf Kultur, Religion, ethnische Zugehörigkeit, Tradition oder dergleichen zu relativieren oder außer Kraft zu setzen. Susanne Wiesinger will mit ihrem Buch und der damit entbrannten Debatte nicht zuletzt eines bewirken: dass wir alle den Mut haben, genauer hinzusehen, Probleme zu benennen und sie aktiv anzugehen – auch wenn sie heikel und unangenehm sind. So appelliert die Pädagogin auch und vor allem an politische Entscheidungsträger/innen, einen offenen und konstruktiven Umgang mit unangenehmen Wirklichkeiten zu führen, sich den Herausforderungen zu stellen. Ein konstruktiver Umgang mit dem „Kulturkampf“ liegt ihrer Ansicht nach auch im Interesse der betroffenen muslimischen Kinder und Jugendlichen. Diese seien oftmals in einer starren Wertewelt gefangen, zwischen kulturell-religiös geprägter Sozialisation und der Freiheit ihres (neuen) Lebensmittelpunktes hin- und hergerissen. Auch ihnen will Wiesinger als Lehrerin in ein freies, selbstbestimmtes Leben helfen. „Denn für mich gehören sie zu uns“.

Schulworkshops zu Konfliktmanagement, Religion, soziokultureller Vielfalt, Menschenrechts- und Demokratiebildung….

Wir als ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus bieten „maßschneiderbare Workshops“ speziell zu IHREN Fragen, Wünschen und Anlassfällen im Schulalltag. Unser Workshop-Repertoire umfasst informative Lehr- und Lernmaterialien sowie praxisbezogene Methoden und Übungen – zu den oben genannten Themen, speziell für den Unterricht. Jeder Workshop kann nach Ihren individuellen Wünschen, Bedürfnissen und konkreten Anlassfällen für Sie „maßgeschneidert“ werden. Sprich: Sie teilen uns vorab mit, welche Fragen und Anliegen Sie in Ihrer Schulklasse beschäftigen, wir bereiten den Workshop speziell dafür vor. Zielwirkungen sind das Entschärfen von Spannungen, das Lösen von Konflikten, das Stärken des respektvollen und friedlichen Miteinanders sowie das Bewusstmachen der Vorzüge der Menschenrechte und Demokratie.

Nähere Informationen zu ARGE-Workshops

 

Text: Martina Weixler

 

Fotos: pixabay

 

 



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