Der Marshallplan und seine Bedeutung für die Zweite Republik

Österreich zählt heute zu den wohlhabendsten Staaten der Welt. Die wirtschaftliche Entwicklung der Zweiten Republik gleicht einer großen Erfolgserzählung. Abgesehen davon, dass ein hohes Wirtschaftswachstum und der Ausbau eines hoch entwickelten Sozialsystems es den meisten Österreichern ermöglichte ihre Lebensverhältnisse kontinuierlich zu verbessern, sorgte der wirtschaftliche Erfolg auch für die Akzeptanz des demokratischen Systems. Dieser Schluss lässt sich vor allem im Vergleich mit der Ersten Republik ziehen, die nicht zuletzt aufgrund von Wirtschaftskrise, Hyperinflation und Massenarbeitslosigkeit scheiterte und zur Diktatur wurde. Dass die Zweite Republik nicht dasselbe Schicksal erleiden würde, war zu Beginn ihrer Geschichte keineswegs klar. Manches sprach für eine Wiederholung der Geschichte. Genau wie nach dem Ersten Weltkrieg waren die Lebensverhältnisse im Jahr 1945 für die Österreicher katastrophal. Armut, Wohnungsnot und Hunger waren nur einige Probleme, mit denen die junge Republik zu kämpfen hatte. Im Unterschied zum Jahr 1918 bekam Österreich aber nun massive Hilfe aus dem Ausland. Diese kam ab 1948 in Form des Marshallplans.

 

Bereits vor Kriegsende wurden von alliierter Seite Pläne für die wirtschaftliche Neuordnung Europas entworfen. Vor allem was den Umgang mit den Kriegsverlierern betraf, herrschte jedoch Uneinigkeit. So sah der nach dem US-Finanzminister benannte Morgenthau-Plan die völlige Deindustrialisierung Deutschlands und dessen dauerhafte Transformation in einen Agrarstaat vor. Letztlich setzten sich aber jene Politiker durch, die auch die Verliererstaaten des Zweiten Weltkrieges, zu denen auch die junge österreichische Republik gezählt wurde, in den wirtschaftlichen Wiederaufbau einbeziehen wollten. Ausschlaggebend für diese Strategie, auf deren Basis der Marshallplan entstehen sollte, waren zwei Faktoren. Zum einen war die amerikanische Wirtschaft daran interessiert, dass auch die weitgehend zerstörten Verliererstaaten in absehbarer Zukunft wieder zu einem Handelspartner werden. Die wohl wichtigere Rolle spielte jedoch der aufkommende Kalte Krieg, in dem die USA die Staaten Westeuropas an ihrer Seite wissen wollte.

 

Den letzten Ausschlag für die Planung der massiven Wirtschaftshilfe für Europa gab die Verkündung der Truman-Doktrin im März 1947. US-Präsident Harry S. Truman stellte darin klar, dass die USA alle „freien Völker“ gegen den Kommunismus unterstützen würden. Da eine militärische Konfrontation nicht gewollt wurde, sollte diese Unterstützung vor allem auf wirtschaftlicher Ebene erfolgen. Auch die Gegner aus dem Zweiten Weltkrieges waren nun für USA wieder potentielle Verbündete im neuen Konflikt. Um den Grundstein für zukünftige Bündnisse zu legen, sollte die Bevölkerung Westeuropas zunächst von den Vorzügen der Demokratie und der Marktwirtschaft überzeugt werden. Dafür musste sich die wirtschaftliche Situation, die sich in Westeuropa nicht wesentlich von jener in den sowjetisch besetzten Staaten unterschied, jedoch schnellstens verbessern. Am 3. April 1948 unterzeichnete Truman schließlich das Marshallplan-Gesetz, das massive Wirtschaftshilfen für Europa vorsah. Das Hilfsangebot richtete sich zwar an alle Staaten Europas, auch jene, die nicht am Krieg teilgenommen hatten, eine Annahme von Seiten der sowjetisch kontrollierten Territorien wurde jedoch nicht erwartet.

 

Insgesamt gewährten die USA im Zeitraum zwischen 1948 und 1952 im Rahmen des Marshallplans Gelder in der Höhe von 14 Milliarden US-Dollar. Dies entspricht dem heutigen Gegenwert von 130 Milliarden US-Dollar. Insgesamt wurden 17 europäische Staaten sowie Indonesien, das 1948 noch Teil der Niederlande war und die vorläufig noch eigenständige Region Triest unterstützt. Wie stark der Marshallplan mit dem Ziel der Förderung der Demokratie verknüpft war, zeigt die Tatsache, dass Spanien, ein faschistischer Staat, sich vergeblich um Hilfsmittel bemühte. Den Großteil der Hilfe bekamen Großbritannien und Frankreich. Danach folgten jedoch mit Italien und Deutschland, die jeweils 10 Prozent der Hilfsgelder erhielten zwei Verlierermächte des Zweiten Weltkrieges. In Deutschland flossen die Hilfsmittel ausschließlich in die von den Westalliierten besetzten Gebiete, die spätere BRD. Die sowjetische Zone aus der später die DDR entstehen sollte nahm nicht am Marshallplan teil. Die Teilung Deutschlands wurde damit vorweggenommen. Österreich erhielt insgesamt 711,8 Millionen Dollar aus dem European Recovery Programm, wie der Marshallplan offiziell genannt wurde. Damit machte der österreichische Anteil mehr als 5 Prozent des Gesamtbudgets aus, was in Anbetracht der geringen Einwohnerzahl ein überdurchschnittlich hoher Prozentsatz war. Eine interessante Sonderrolle spielte Österreich auch im Kontext des Kalten Krieges. Die Osthälfte Österreichs war das einzige sowjetisch besetzte Gebiet Europas, in das Marshallplanmittel flossen. Damit zeichnete sich bereits zu diesem Zeitpunkt der Sonderweg Österreichs im Kalten Krieg ab.

 

Für die weitere Entwicklung Österreichs hatte der Marshallplan zentrale Bedeutung. Die Hilfsmittel bildeten die Basis für die wirtschaftliche Erholung des Landes und „Wirtschaftswunder.“ Mit der Zeit wurde dadurch auch die Demokratie von der großen Mehrheit der Bevölkerung als Regierungsform die der Diktatur überlegen ist gesehen und akzeptiert. Mit dieser Entwicklung verbunden war die Wandlung des früheren Feindbildes USA. Nach und nach wurden die Amerikaner nun nicht mehr als Gegner, sondern als Partner für die Zukunft gesehen. Dabei spielte die durch die amerikanischen Besatzungssoldaten verbreitete US-Kultur ebenfalls eine große Rolle. Letztendlich war aber vor allem der Marshallplan für die trotz Neutralität eindeutige Westorientierung Österreichs im Kalten Krieg verantwortlich. Mit dieser ging eine schrittweise Einbindung in die europäischen Institutionen einher, die wiederum förderlich für die Demokratisierung und den wirtschaftlichen Fortschritt war. Es lässt sich daher ohne Zweifel sagen, dass die Erfolgsgeschichte der von Demokratie und Menschenrechten geprägten Zweiten Republik ohne den Marshallplan nicht möglich gewesen wäre.



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