Christian Ehetreiber: Gedenkrede für Maria Cäsar (13.9.1920 bis 1.9.2017)

Die Rede wurde gehalten bei Marias letztem Weg auf dem Grazer Zentralfriedhof am 14.9.2017 [1]

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

liebe Traurergäste,

liebe Familie unserer Maria Cäsar!

Ich bedanke mich bei Marias Sohn Ernst Kret, als Freund einige Worte über unsere liebe Maria sprechen zu dürfen. Marias Verdienste im Widerstand gegen den Faschismus, ihr Engagement in der Menschenrechtsbildung, ihre zahlreichen Auszeichnungen der Stadt Graz, des Landes Steiermark und der Bundesregierung wurden bereits gewürdigt. Ich möchte anhand persönlicher Reminiszenzen an Maria Cäsar als Freundin, Wegbegleiterin und Vorbild erinnern. Mit dem Motto „einfach außergewöhnlich und zugleich außergewöhnlich einfach“ lässt sich Marias vielseitige Persönlichkeit in plakativer Form zuspitzen.

Mein lieber Freund Peter Scheibengraf, gemeinsam mit Helmut Konrad einer der Initiatoren der Zeitzeugenarbeit an Schulen, machte mich Mitte der 1990er Jahre mit Maria bekannt. Ich erinnere mich an Marias gewinnende und originelle Form des Miteinander-Redens, die gewürzt war mit feinem Humor und der seltenen Fähigkeit heiterer Selbstironie.[2] Gespräche mit Maria waren stets dem aufmerksamen Zuhören verpflichtet.[3]

Maria inspirierte viele von euch, liebe Freundinnen und Freunde wie auch mich, zum aufrechten Gang. Maria duldete kein Duckmäusertum, keine Speichelleckerei und keine Unterwürfigkeit, schon gar nicht in Zeiten der Demokratie, wo das freie Wort nicht das Leben kostet. Sie rüttelte unser Grazer Menschenrechtsnetzwerk beharrlich, jedoch stets respektvoll auf, zu drängenden politischen Themen aktiv zu werden. Maria formulierte ihre Aufrufe nie „von oben herab“, sondern stets auf Augenhöhe im Ton eines überzeugenden „Gemmas gemeinsam an! Wos tamma zuerst?“

Wie beeindruckte uns Marias Hartnäckigkeit! Sie erlebte in 14 Monate währender Gestapohaft ständig den Hauch des Todes in ihrer Zelle. Sie erzählte oft, wie ihre Freundin zur Hinrichtung geführt wurde. Maria überlebte die NS-Zeit durch die mutige Solidarität eines Widerstandskämpfers, der Maria trotz erlittener Folter nicht ans Messer lieferte. Liebe Freundinnen und Freunde, wer je mit WiderstandskämpferInnen Gespräche führen durfte, der lässt sich von den heutigen Formen der Bevormundung und Erpressung kaum einschüchtern. Wir bezahlen das freie Wort oder die Zivilcourage nämlich nicht mit Kerker, Folter oder Hinrichtung. Die von den Alliierten und von der europäischen Resistance erkämpfte Demokratie in Europa, die müssen wir alle nach besten Kräften verteidigen. Das freie Wort erfordert heute nur den Bruchteil von Marias einfach außergewöhnlichem Mut.[4] Sehr oft formulierte Maria Cäsar eine überzeugend einfache Evidenz: „Die Leute überlegen immer, was ihnen alles passieren kann, wenn sie gegen Unrecht einschreiten. Sie überlegen aber nie, was alles passiert, wenn sie NICHT dagegen einschreiten!“ Diesen Satz sollten wir als Vermächtnis und als Andenken an Maria im Herzen tragen.[5]

Das „einfach Außergewöhnliche“ an Maria zeigte sich von Jugendjahren an darin, dass sie dem Gleichschritt von Heimwehrführern und Nazistiefeln einfach die Gefolgschaft verweigerte. Sie gehörte zu jener politisch wachsamen Gruppe an Widerstandskämpferinnen, die schon lange vor Hitlers Machtergreifung das todbringen Antlitz des Faschismus erkannten, während die späteren „Volksgenossinnen und Volksgenossen“ noch von KdF, Sparkäfer, Vollbeschäftigung, vom Lebensraum im Osten und vom Endsieg träumten. Für Maria Cäsar und für den gesamten antifaschistischen Widerstand waren dies freilich Alpträume, keine Wunschträume. Das außergewöhnlich Einfache Marias zeigte sich darin, dass sie Ungerechtigkeiten aller Art zeitlebens nicht widerstandslos hinnehmen oder gar akzeptieren wollte. Maria war ihr ganzes Leben lang die Allegorie jenes Resistance-Geistes, der sich für eine gerechtere Welt aktiv engagiert.[6]

Kaum etwas verabscheute Maria mehr als die Haltungen des „Als-ob“, des phraseologischen Geredes oder gar der Kumpanei mit den Advokaten des Unrechts. Diese „Eichung als Echte mit aufrechtem Gang“ erfolgte rund um den Februar 1934. Wie oft erzählte mir Maria von der bitteren Enttäuschung im 34er-Jahr, als der Großteil der sozialdemokratischen Führung ihre Februarkämpfer im Stich gelassen hatte?

Mit unserer ARGE Jugend führte Maria in über 500 Schulen Zeitzeugengespräche in einer unnachahmlich beeindruckenden und zum Dialog verführenden Form. An der Stelle sei auch ihrem am 23.1.2015 verstorbenen Ehemann Rudi Cäsar  gedankt, der Maria in ihrer politischen Arbeit vorbildlich unterstützt hat. Mit ihrer menschenfreundlichen und glaubwürdigen Haltung eroberte Maria die Herzen und mobilisierte den Verstand ihres jeweiligen Publikums, von Jung bis Alt. Unzählige begeisterte Rückmeldungen auf ihre Fähigkeiten als politische Bildnerin bekunden Marias prägende Wirksamkeit.

Maria blieb zeitlebens eine Lernende.[7] Sie entwickelte mit uns die zeitgeschichtliche Erinnerungsarbeit  als Medium der Demokratie- und Menschenrechtsbildung konsequent weiter.[8] Die von ihr mitgestaltete Öffnung des Zeitzeugendialoges mit Wehrmachtssoldaten, mit ehemaligen Angehörigen der Hitlerjugend oder des BDM ermöglichte die Gewinnung eines kontrastreichen Bildes über Grauschattierungen des menschlichen Handelns unter repressiven Zwangsbedingungen. Dazu gehört selbstverständlich auch Marias unermüdliches Bemühen als Vorsitzende des KZ-Verbandes, mit dem Bund sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen sowie mit der ÖVP Kameradschaft der politisch Verfolgten und Bekenner Österreichs  die freundschaftliche und wertschätzende Kooperation gepflegt zu haben, wie dies u.a. an jedem 1. November beim internationalen Mahnmal hier am Grazer Zentralfriedhof sichtbar wird![9]

Maria Cäsar war in jungen Jahren Sozialdemokratin, danach Kommunistin. Sie gehörte zu jenen in ihrer Gesinnungsgemeinschaft, die mit politisch Andersdenkenden respektvoll kommunizierte, die ihre eigenen Standpunkte und jene ihrer Partei hinterfragen konnte, was ihr Ansehen als politische Bildnerin und reflektierte Persönlichkeit weit über ihre politische Heimat hinaus gesichert hat.[10] Die dogmatische Dauerverhaftung in offenkundig unhaltbaren Positionen war ihr oftmals unangenehm und entlockte ihr im besten Fall einen gequälten Seufzer. Niemals erlebte ich es, dass Maria junge oder ältere Dialogpartner je indoktriniert oder manipuliert hätte. Dies sei uns ein Markenzeichen für eine politische Bildung mit transparenten Positionen, die sich nicht in manipulativer Einrede ergeht, sondern zur eigenen Standpunktfindung ermutigt.

Maria bleibt mir persönlich auch als ein Rollenvorbild des Älterwerdens mit Stil, Humor und Würde in Erinnerung. Im Jahr 2005 hing ihr damals 85-jähriges Leben infolge einer Herzoperation und eines daran anschließenden Schlaganfalles am buchstäblich seidenen Faden. Wir Freundinnen und Freunde sahen ihr Leben bereits in schwerer Krankheit versinken. Doch ihr unerschütterlicher „Resistance-Geist“ ließ Maria ihre Gesundheit und die Sprachfähigkeit zurückerobern und noch zwölf schöne Lebensjahre im Familien- und Freundeskreis gewinnen.[11] Wir werden dich, liebe Freundin, Mentorin und Wegbegleiterin, niemals vergessen! Dein fast ein Jahrhundert währender Mut mit Herz und Rückgrat seien uns, unseren Kindern und Enkelkindern Vorbild, Auftrag und Programm, weiterhin für eine gerechtere Welt des Friedens, der Freiheit, der Solidarität und der Liebe einzustehen.

In ewiger Verbundenheit des Herzens!

Dein

Christian

 

 

[1] Die Anmerkungen im Fußnotenteil wurden nicht vorgetragen. Sie sind für jene Freundinnen und Freunde bestimmt, die Maria gut kennen und schätzen!

[2] Zum Glück konnte Maria bisweilen auch zornig sein, granteln, mitunter sprichwörtlich „austeilen und einschenken“, weil sie ein Mensch mit Ecken und Kanten war, keine Kunstfigur der Selbstverstellung. Doch gerade das machte sie zur einfach außergewöhnlichen Persönlichkeit, zumal ihre Fähigkeit zur Versöhnung letztlich zumeist die Oberhand gewann. Peter Scheibengraf und ich gehörten zu jenen Freunden, die bei ihr den sprichwörtlichen „Stein im Brett“ hatten. Bei ihrer schweren Herzoperation im Jahr 2005 holte Maria mich und meine Kolleginnen Martina und Bettina zu sich ins Grazer LKH, um sich über den lebensgefährlichen und zugleich lebensrettenden Eingriff zu beraten. Selbst bei mitunter kniffligen Konflikten zog sie uns zu Rate und beeindruckte durchgängig mit ihrer Fähigkeit zu echter Versöhnung und zur Zurücknahme von überhöhten Erwartungen.

[3] Marias Kommunikation war immer von Interesse und herzlicher Neugier geprägt: „Erzöht´s ma amoi, wieso geht die Jugend net wählen? Wieso rennt die Jugend und a die ältere Generation den Rechtspopulisten nach? Wos könn´ ma denn tuan in den Schulen, dass die heutige Generation net noch amol den Rattenfängern auf´n Leim geht wie zur Zeit des Faschismus? Christian, wie geht´s  deinen lieben Töchtern, der Eva und der Christina, wie geht´s deiner Mutter [selig!] und den Kolleginnen in der ARGE Jugend? Sind eh alle gesund? Hast vom Peter Scheibengraf wieder was gehört?“ Selbst Marias Smalltalk verströmte immer die angenehme Aura des echten Interesses, der Anteilnahme an den Anliegen ihres Gesprächspartners! Maria liebte unser gesamtes ARGE Team von Herzen, ebenso die FreundInnen des KZ-Verbandes, der KPÖ, die Widerstandskämpfer des sozialdemokratischen und des christlich-sozialen Opferverbandes und ein ganz breites interfraktionelles Netzwerk an Menschen, die sich – wie sie selbst – für eine schönere, gerechtere und humanere Welt einsetzen, ungeachtet der ideologischen Beheimatung.

[4] Was können wir schon verlieren in demokratischen Zeiten? außer die eine oder andere Sprosse fragwürdigen Aufstiegs, die befremdliche Zugehörigkeit zu Cliquen der Charakterlosigkeit, die vermeintliche Wärme des vergoldeten Status oder die Angst vor dem freien Wort?

[5] Eindringlich und wiederholt wies Maria darauf hin, dass der Faschismus „nicht von heute auf morgen“ die Demokratie abgelöst hat, sondern dass diese Machtübernahme ein jahrlanger Prozess des Einsickerns gewesen ist, eine schrittweise Demontage des Rechtsstaates, der zentralen demokratischen Werte und Leitprinzipien wie auch der sozialen Errungenschaften. Sie hielt daher unzählige Male überzeugende, flammende Appelle, wachsam zu bleiben, diese ersten Schritte in Richtung einer Diktatur klar zu erkennen, rechtzeitig kritische Einrede, Protest und Widerstand zu leisten. Wer diese Rechtzeitigkeit verpasse, der dürfe sich nicht wundern, wenn er/sie dann eines Tages in einem totalitären Regime aufwacht.

[6] Eines Resistance-Geistes, dem Konformismus und Opportunismus fremd sind, der nicht über die Entrechteten einfach hinwegsieht, dessen Basislager die einfachen Herbergen der Unterdrückten sind, nicht die Nobelvillen des Millionärsklubs. Eine einfach außergewöhnliche und außergewöhnlich einfache Lebenshaltung, die sich in Marias Haltungen fortwährend zeigte.

[7] Mit sichtlicher Freude schrieb sie uns rund um ihren 80. Geburtstag E-Mails. Den Umgang mit dem PC hatte ihr Enkelin Malaika beigebracht.

[8] Das bloße Erzählen von Anekdoten und Geschichten, ohne daraus im guten Gespräch wechselseitige Einsichten zu erzielen, war ihr ein Gräuel. Maria führte den Zeitzeugendialog aus bisweilen hermetischer Einengung heraus zum intergenerativen, überparteilichen und differenziert argumentierenden Gesprächsformat, das die giftige Aura des Schmorens im eigenen Bratensaft als Sackgasse und Abgrund erkannte.

[9] Dieses alljährlich stattfindende gemeinsame und zukunftsorientierte Gedenken der drei Opferverbände, der christlichen Gemeinschaften, der Städte Graz, Maribor und Celje, höchster RepräsentantInnen der Stadt- und Landesregierung, der Sozialpartnerschaft, der Exekutive, des Bundesheeres, der Verwaltung, der Schulen und der Zivilgesellschaft gehören zu den wichtigsten öffentlichen Zeichen der Menschenrechtstadt Graz für eine vitale, parteiübergreifend getragene Demokratie, die aus den verheerenden Fehlern der Ersten Republik die richtigen Lehren gezogen hat!

[10] Marias zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen – von der Stadt Graz über das Land Steiermark bis zur Bundesregierung – bezeugen ihre weit über die KPÖ hinausreichende Strahlkraft ebenso wie die Wertschätzung, die sie auch von aufrechten Persönlichkeiten der ÖVP, der SPÖ, der KPÖ, der Grünen und von parteifreien BürgerInnen erfährt. Exemplarisch sei auf die wechselseitige Wertschätzung zwischen Maria und Altbürgermeister Alfred Stingl bzw. des aktuellen Bürgermeisters Siegfried Nagl hingewiesen. Maria war und ist uns – Peter Scheibengraf und mir – gerade mit dieser respektvollen Haltung zu ideologisch Andersdenkenden ein ewiges Vorbild.

[11] Das Erleben von Sinn, ihr Vertrauen in tragfähige soziale Netzwerke und in ihre Fähigkeiten, ihr unerschütterlicher Kampfgeist, ihre optimistische Zuversicht und ihr Humor gehören zu jenen Ingredienzien des Älterwerdens, die wir heute als salutogenetisches Konzept von Gesundheit kennen. Bei Maria war das freilich nicht nur ein Konzept, sondern konkrete Lebenskunst bis zu ihrem letzten Atemzug.



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