Eisenerz: Lebendige Erinnerungskultur, von Jugend getragen!

Der 11. Lebensmarsch zum Todesmarschmahnmal am Präbichl am 30.6.2017

Frei nach Paul Celans „Todesfuge“ war der gewaltsame Tod während der NS-Zeit nicht nur ein Meister aus Deutschland, sondern er fand seine Schergen auch in Eisenerz:[1] Am 7. April 1945 verübte der Eisenerzer Volkssturm einen Massenmord an rund 250 ungarischen Juden, die zu Fuß von Ungarn nach Mauthausen deportiert werden sollten. Obwohl die Zeitungen im Jahr 1946 ausführlich von den Prozessen des britischen Militärgerichts gegen die Mörder berichtet hatten, geriet  dieser Massenmord alsbald in Vergessenheit. Im Sommer des Jahres 2000 erhielt ich einen Anruf vom Chronisten Walter Dall-Asen aus Landl, ob ich dem Tiroler Journalisten Bert Breit ein Interview für ein Ö1-Hörbild zum Todesmarsch geben wolle. Beim darauffolgenden Treffen in Bruck an der Mur regte Walter an, die Idee für ein Mahnmal an den damaligen Eisenerzer Bürgermeister Hermann Auernigg heranzutragen. Gesagt, getan. Walter, der Historiker Heimo Halbrainer und ich ersuchten Bürgermeister Auernigg in einem unvergesslich sachlichen und launigen Gespräch, dieses Projekt in den Eisenerzer Gemeinderat einzubringen.

Einstimmiger Gemeinderatsbeschluss für ein Mahnmal

Am 18. Oktober 2000 schließlich fasste der Eisenerzer Gemeinderat den einstimmigen Beschluss, ein überparteiliches Personenkomitee einzurichten und ein Mahnmal für die Opfer des Todesmarsches auf der Passhöhe des Präbichls zu errichten. Unsere ARGE Jugend wurde mit der Moderation des Personenkomitees, für die Einbringung zeitgeschichtlicher Expertise und mit der Durchführung eines Gestaltungswettbewerbes an den Eisenerzer Schulen beauftragt. Die Idee zum Gestaltungswettbewerb für Entwürfe zum Mahnmal hatte der damalige Eisenerzer Vizebürgermeister und Geschichtelehrer Gerhard Niederhofer eingebracht. Seine Idee kann nicht hoch genug gewürdigt werden, gelang es dadurch nämlich, das verdrängte Thema „Todesmarsch“ über die Jugendlichen in die Eisenerzer Familien zu tragen, es also ins Gespräch und damit in lebendige Erinnerung zu bringen. Auf Seiten der Stadtgemeinde Eisenerz machten der damalige Bürgermeister Mag. Gerhard Freiinger und Vizebürgermeister Gerhard Niederhofer das Gedenkprojekt zur Chef- und Herzenssache, hielten es parteiübergreifend auf Zielkurs. Die Eisenerzer SchülerInnen entwickelten, unterstützt von ihren LehrerInnen und dem Team der ARGE Jugend, sehr anspruchsvolle Entwürfe für das Mahnmal. Der letztlich umgesetzte Entwurf stammt von den Jugendlichen der Eisenerzer Hauptschule.[2]

„Wenn die Steine weinen“

Am 16. Juni 2004 erfolgte die feierliche Enthüllung des Mahnmals, an der über 500 Gäste teilnahmen. Wir gingen bereits damals den Weg des Todesmarsches im Gedenken an die Opfer hinauf zur Passhöhe des Präbichls. Unvergessen bleibt die damalige Begegnung mit den beiden Überlebenden des Todesmarsches, Judita Hruza und Bela Budai, die uns auf dem Weg zur Passhöhe ihre Erinnerungen an den 7. April 1945 beim Lauf um ihr Leben im Kugelhagel schilderten. Bela Budai und Juditha Hruza bildeten gleichsam die Brücke der Überlebenden zu den Toten des Todesmarsches an jenem 16. Juni 2004, für alle Gäste ein unvergessener Tag! Bei der Enthüllung des Mahnmales führte die Jugend des BG/BRG Leoben neu das Theaterstück „Wenn die Steine weinen“ auf. Prof. Wini Hofer, selbst ein unermüdlicher Initiator von Gedenkprojekten in Leoben und Trofaiach, zeichnete für die Koordination der monatelangen Produktions- und Probearbeiten verantwortlich. Der Schülerchor der HLW Weyer unter der Leitung von Prof. Robert Gradauer sang das Lied „Die Moorsoldaten“. Maria Maunz, gemeinsam mit ihrer Mutter eine couragierte Zeitzeugin des Todesmarsches, erzählte, wie die FamilieMaunz trotz Todesdrohungen für die hungernden Jüdinnen und Juden eine Kartoffelsuppe kochte und Brot verteilte.[3]

Lebendige Erinnerungskultur rund um das Mahnmal

Rund um das gestalterisch beeindruckende Mahnmal entwickelte sich eine facettenreiche Gedenkkultur. So entstanden die im CLIO-Verlag erschienenen und rasch vergriffenen Buchpublikationen[4] „Todesmarsch Eisenstraße“ und „Die Eisenstraße 1938 bis 1945“. Heimo Halbrainer rekonstruierte im 2. Band „Archiv der Namen“ in mühseliger Archivrecherche Namen und Ausschnitte der Lebensgeschichten von rund 70 der ermordeten Jüdinnen und Juden am Präbichl, eine Meisterleistung der historischen Recherche im Dienste des würdevollen Gedenkens und der Menschenrechtsbildung. Die ARGE Jugend erhob zweimal in Form von Videointerviews die sehr positive öffentliche Resonanz auf das Mahnmal. Die hunderten Straßeninterviews wurden von Jugendlichen in mehreren Gemeinden der Eisenstraße geführt. Die Regionalmedien, stellvertretend für die regionalen Medien sei das Team der Kleinen Zeitung um Frau Johanna Birnbaum genannt, begleiteten das Eisenerzer Gedenkprojekt seit dem Jahre 2000 durch eine interessierte und sachliche Berichterstattung.

Link zu den Straßeninterviews und zum Statement Judita Hruzas 2004

Link zu ZeitzeugInnen zum Todesmarsch

Gedenkbuch, dreisprachige Infotafeln und Lebensmarsch

Alljährlich gedenken alle Eisenerzer Gemeinderatsfraktionen und die ARGE Jugend in Form einer Kranzniederlegung der Opfer. Gerhard Niederhofer gestaltete im Jahre 2007 mit Jugendlichen aus Eisenerz ein Gedenkbuch, das Einträge von BesucherInnen aus über 40 Staaten enthält, ließ eine Beleuchtung des Mahnmals montieren und erneuerte den bestehenden Schauraum zum Todesmarsch im Eisenerzer Stadtmuseum. Die Stadtgemeinde Eisenerz brachte Informationstafeln in deutscher, englischer und ungarischer Sprache beim Mahnmal an und erneuerte auch die Beschilderung zum Eisenerzer Judenfriedhof. Die Verankerung des Themas „Todesmarsch“ im Unterricht verdankt sich ebenfalls der Initiative Gerhard Niederhofers, sodass sich die Eisenerzer SchülerInnen jedes Jahr in Form von Projektarbeiten dem Thema widmen. Die ARGE Jugend veranstaltete mehrereSeminare und Zeitzeugendialoge zum Todesmarsch. Seit 2007 organisiert Gerhard Niederhofer mit der Eisenerzer Jugend den Lebensmarsch zum Todesmarschmahnmal: eine überzeugende und Hoffnung gebende Idee für eine gewaltfreie Zukunft der Menschheit. Das Gedenkprojekt „Todesmarsch Eisenstraße“ wurde vom ORF im Jahre 2015 als eines der Vorzeigeprojekte für eine intergenerative Gedenkkultur für eine ZIB2-Dokumentation zum Gedenkjahr 1945/2015 ausgewählt.

Link zum Text 70 Jahre 2. Republik. 70 Jahre Todesmarsch

Fotobericht von der jährlichen Kranzniederlegung aus dem Jahr 2012

Bericht der Kleinen Zeitung vom Lebensmarsch am 30.6.2017

Mahnmäler in Gleisdorf und Nitscha

Die positiven Erfahrungen des Eisenerzer Gedenkprojektes flossen über die ARGE Jugend auch in das Gleisdorfer Gedenkprojekt „Zukunft braucht Erinnerung“ ein. Wolfgang Seereiter, wie Gerhard Niederhofer ein engagierter Aktivist des neuen Erinnerns, und ein Personenkomitee realisierten mit der Stadt Gleisdorf zwei weitere Mahnmäler für die Opfer des Todesmarsches in Gleisdorf und Nitscha. Beide Mahnmäler entstanden wie in Eisenerz auf Grundlage eines Gestaltungswettbewerbs an den Gleisdorfer Schulen, den die ARGE Jugend moderieren durfte.[5]

Link zum Gleisdorfer Projekt Zukunft braucht Erinnerung

Link zum Text Christian Ehetreibers zur Enthüllung des Mahnmals in Nitscha

Erinnern statt entrinnen

   Der alljährlich von Gerhard Niederhofer umsichtig organisierte Lebensmarsch zum Todesmarschmahnmal fand heuer bereits zum 11. Male statt. Rund 90 Jugendliche machten sich auf den Weg zum Lebensmarsch, stellten ihre Beiträge beim Mahnmal vor, musizierten und lauschten mit spürbarem Interesse den berührenden Geschichten Gerhard Niederhofers, eines Meisters der Erzählkunst. Die Eisenerzer Bürgermeisterin Christine Holzweber – und auch der Eisenerzer Stadtrat Thomas Rauninger – begleiteten ihre Jugendlichen aus Eisenerz auf dem Lebensmarsch und sprach mahnende Worte für Frieden, Demokratie und Gewaltfreiheit. In den Gesprächen im Anschluss an den Lebensmarsch fragten wir uns, worin der Kern dieses lebendigen Gedenkprojektes in Eisenerz besteht, das auf ein würdevolles Gedenken an die Opfer ebenso ausgerichtet ist wie auf ein zukunftsbezogenes Engagement für Demokratie und Menschenrechte. Wir vermuten, dass diese auf Zukunft bezogene Lebendigkeit des Eisenerzer Gedenkprojektes in den unzähligen von Engagement getragenen Beiträgen besteht, die rund um das Mahnmal entstanden sind. Aus den damit verbundenen Begegnungen, Gesprächen und Geschichten über eine letztlich unbegreiflich traurige Geschichte entsteht eine mit allen Sinnen spürbare Erinnerungskultur, die uns im Herzen berührt. Erinnern statt Entrinnen, das ist jenes Motto, das die Lebendigkeit des Mahnmales in alle Welt hinausträgt, es zum Erinnerungszeichen für uns alle und für alle Zukunft macht.

Christian Ehetreiber

 

[1] Ermordungen ungarischer Juden bei den Todesmärschen erfolgten nicht nur in Eisenerz, sondern in über 150 weiteren österreichischen Gemeinden.

[2] Gestalterische und bautechnische Höchstkompetenz für die Umsetzung des Mahnmales brachte der Wiener Architekt – und gebürtige Eisenerzer – DI Horst Gaisrucker ein, der als Kind Zeitzeuge des Todesmarsches durch Eisenerz war. Horst Gaisrucker reiste zu fast jedem Treffen des Eisenerzer Personenkomitees von Wien aus nach Eisenerz und gab viele Hinweise zur Optimierung des Entwurfes. Sebastian Hofer, Meister der Metallverarbeitung der Firma BTE Eisenerz, errichtete das Mahnmal unter Einbezug der Jugendlichen aus Eisenerz. Der liebe Freund Sebastian Hofer war gestern am Präbichl ebenso dabei wie die Freunde Wini Hofer, Esther Dürnberger, Gerhard Niederhofer vom Eisenerzer Personenkomitee sowie die Eisenerzer Bürgermeisterin Christine Holzweber.

[3] Zivilcourage für Solidarität und Mitmenschlichkeit gab es in vielen Gemeinden: So verweigerte etwa der Frohnleitner Volkssturm den Erschießungsbefehl von gehunfähigen Juden. Herr Juvanschitz aus St. Peter Freienstein beherbergte Juden in seinem Wohnhaus unter Lebensgefahr im Falle des Entdecktwerdens.

[4] Heimo Halbrainer und Christian Ehetreiber (Hg.), Todesmarsch Eisenstrasse 1945: Terror, Handlungsspielräume, Erinnerung: Menschliches Handeln unter Zwangsbedingungen. CLIO: Graz 2013

Werner Anzenberger/Christian Ehetreiber/Heimo Halbrainer (Hg.), Die Eisenstraße 1938–1945: NS-Terror – Widerstand – Neues Erinnern. 360 Seiten. CLIO: Graz 2013. Heimo Halbrainer, Archiv der Namen. Ein papierenes Denkmal der NS-Opfer aus dem Bezirk Leoben. 130 Seiten. CLIO: Graz 2013.

[5] Wolfgang Seereiter, Manfred Gerstmann, Bertram Riegler, Marianne Ofner und die Zeitzeugin Frau Grilovic seien stellvertretend für das engagierte Gleisdorfer Personenkomitee für ein Todesmarschmahnmal in Gleisdorf bzw. in Nitscha genannt.



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