Interreligiöser Dialog statt „Glaubenskriege“

Die vom Afro-Asiatischen Institut und der Stadt Graz veranstaltete Interreligiöse Konferenz vom 17.7. bis 20.7.2013 ist ein wichtiges Zeichen an die BürgerInnen in Graz und in allen Städten der Welt, den interreligiösen Dialog an die Stelle von gewalttätigen Konflikten zwischen den Religionsgemeinschaften zu setzen.

InterrelGraz

Interreligiöse Konferenz 2013 in Graz

„Im Anfang war das Wort“, heißt es zu Beginn des Johannes-Evangeliums in unnachahmlicher Schlichtheit. Solange die Religionen miteinander im wertschätzenden Gespräch sind, schweigen bekanntlich die Waffen. Wenn – wie in Nahost – religiös verbrämte Gewalt nur noch mit Gegengewalt vergolten wird, dann gibt es auf allen Seiten unzählige Opfer, die es beim „guten Gespräch“ nicht gäbe! Es ist daher ein kleines Fünkchen Hoffnung durch US-Außenminister John Kerrys jüngste Initiative entzündet worden, Israelis und Palästinenser wieder ins Gespräch zu bringen, wobei zu hoffen ist, dass die vorhandenen politischen, ökonomischen und sozialen Konfliktlinien nicht auch noch – wie bisher – durch religiöse Aufladungen verschärft werden.

Interreligiöser Dialog erfordert Demokratie, Menschenrechte und einen säkularen Rechtsstaat

Der interreligiöse Dialog erfordert aber auch die aufklärerische Einsicht, dass Demokratie, Menschenrechte und die Anerkennung eines verfassungsbasierten modernen Rechtsstaates von allen Religionen in der Europäischen Union ohne Wenn und Aber anzuerkennen sind. Religiös, ethnisch oder kulturell motivierte „Sonderrechte“ sind mit europäischen Konzepten der Anerkennung von „All Different – All Equal“ daher unvereinbar. In den Worten Max Webers liegt das Verdienst der europäischen Aufklärung u.a. in der „Entzauberung religiöser Weltbilder“, also in der hart erkämpften Säkularisierung der Arena des Politischen, die kein Gottesgnadentum mehr duldet, gleichzeitig jedoch über Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte  „das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit“ explizit verankert. Diese fragile Balance zwischen säkularer, verfassungsgeleiteter Politik und den in ihrer direkten Machtausübung eingeschränkten Religionen ist das nicht verhandelbare Fundament für den Dialog der Glaubensgemeinschaften untereinander, aber auch mit den AkteurInnen der Politik. Worin der Vorzug dieses europäischen Grundprinzips liegt, Religionen in ihrer politischen Macht zu entzaubern, konnten wir vor einigen Tagen schockiert nachlesen, als eine vergewaltigte norwegische Bürgerin in den Arabischen Emiraten zu 16 Monaten Haft verurteilt worden ist, ihr Vergewaltiger indes zu einer geringeren Haftstrafe.

Vergleich des Unvergleichbarem als Sackgasse

Wer die rechtsstaatliche Voraussetzung jedes Dialoges mit und unter den Weltreligionen so offen ausspricht, sieht sich freilich flugs mit dem (berechtigten!) Vorwurf von Menschenrechts- und Gesetzesverstößen in unseren Breiten konfrontiert, vom Polizeiübergriff auf MigrantInnen bis zu allen Formen des meist ungeahndeten Alltagsrassismus. Doch wie so oft hinken jene Vergleiche, die Symptome und Systemisches unzulässig verquicken. Die Vergleiche legen nahe, die europäische Rechtsstaatlichkeit – mit all ihren zugegebenen Mängeln in der Durchführung – sei z. B. auch nur im Ansatz mit dem drakonischen Scharia-Recht vergleichbar, dessen evidentes Unrecht – etwa gegenüber Frauen – jedoch zur Systemlogik und nicht zu den Ausnahmefällen gehört. Wer diese entscheidende Differenz vor dem Hintergrund einer falsch verstandenen Interreligiosität oder Interkulturalität nivelliert, der darf sich nicht wundern, wenn er oder sie eines Tages in einem Staate der nicht vom Vernunftprinzip entzauberten religiösen Weltbilder erwacht: im realen Weltbild einer religiös verkleideten, totalitären Einheils- und Unheilsvision, die Europa über 1.000 Jahre im Mittelalter eines militanten Papsttums verankerte, einem Zeitalter der Dunkelheit in jedem Wortsinne, das erst durch das Licht der Aufklärung überwunden wurde. Diese dunkle Unheilsvision wird nicht dadurch heller, dass weltweite fundamentalistische Strömungen glauben, das Rad der Geschichte unter anderen Symbolen zurückdrehen zu können.

Christian Ehetreiber

Bilder: schubiduquartet/AAI



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